Vor 12 Jahren haben Jim O’Neill und die Investment Bank Goldman Sachs einen Report veröffentlicht, der voraussagte, dass sich das Zentrum wirtschaftlicher Macht schrittweise weg von den großen Industrienationen G7 (heute G8) hin zu einigen Entwicklungsländern verschieben würde. Jim O’Neill hat die Länder Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC; heute BRICS, da Südafrika jetzt auch zu diesen Staaten zählt) als die Länder mit ausreichendem Wirtschaftswachstum identifiziert, um zu wichtigen Anbietern am Weltmarkt aufzusteigen. Mehr als 10 Jahre später werden diese Länder und deren wirtschaftliche Entwicklung auch weiterhin von den Medien beobachtet und kommentiert. Natürlich sind auch PR-Profis und Werber an diesen Ländern interessiert und Cision freut sich daher, eine neue fünfteilige Serie zu präsentieren. Diese Serie – deren fünften und letzten Teil „Russland“ wir heute hier vorstellen – soll einen Einblick in die Kultur und einige der Veränderungen geben, die für Kommunikationsmaßnahmen in diesen Ländern von Bedeutung sind. Journalisten und andere Industrieexperten teilen ihre Erfahrungen, die sie in diesen Ländern gesammelt haben, und stellen aktuelle Trendthemen, Kernindustrien und vielversprechende Ansätze des Pitchens und der Promotion vor. Den ersten Teil in dieser Serie „Kommunikation in China – Zwei Insider berichten“ finden Sie hier. Den zweiten Teil „Indien – Ein Gespräch mit ‚Edelman Global Fellow‘ Darius Razgaitis“ finden Sie hier. Den dritten Teil „Brasilien – Wie der digitale Wandel die Printmedien verändert“ finden Sie hier. Den vierten Teil „Südafrika – alles Mxit?“ finden Sie hier.


Das rote Russland, die Sowjetunion, die UdSSR, Mütterchen Russland. Ganz gleich, unter welchem Namen es bekannt war – im Laufe seiner modernen Geschichte war das größte Land der Welt oft in einen geheimnisvollen Schleier oder gar einen eisernen Vorhang gehüllt. Die sozialen und politischen Schwierigkeiten des Landes spielten in den internationalen Nachrichten immer wieder eine herausragende Rolle, jedoch oftmals ohne dass die lokale Perspektive auf die Ereignisse viel Gehör fand. Schenkt man einem Artikel von AP vom Oktober diesen Jahres Glauben, sind auch finanzielle Probleme in Russland und den anderen BRICS-Staaten heute wieder an der Tagesordnung. Geschichtlich, politisch und geografisch spielt Russland sicherlich eine entscheidende Rolle in der Auslandspolitik Deutschlands, der USA und vieler anderer Staaten. Wie bei jeder mächtigen Nation erfordert das Verständnis des Zusammenspiels zwischen Medien, Journalismus und der nationalen Identität einen tiefergehenden Blick.

Fred Weir, seit 1998 Korrespondent in Moskau, hat sich an das Dasein als Ausländer in Russland gewöhnt. Weir stammt von einer, wie er es beschreibt, alten Kommunisten-Familie aus Kanada und studierte an der University of Toronto in den 70er Jahren russische und sowjetische Geschichte. Da viele seiner Verwandten in der damaligen UdSSR wohnten, war er an der Sowjetunion außerordentlich interessiert und zugleich zutiefst kritisch. Er hoffte auf eine Reform des sozialistischen Systems. Als Michail Gorbatschow an die Macht kam, wurde Weir Korrespondent für die Canadian Tribune, eine von der kanadischen kommunistischen Partei herausgegebene Wochenzeitung, und arbeitete später für die Canadian Press und die Hindustan Times aus Neu-Delhi. Nun lebt er seit 27 Jahren in Russland und weiß seinen westlichen Hintergrund zu schätzen, empfindet aber zugleich den Einblick, den er in die russische Gesellschaft gewinnen konnte, als sehr bereichernd.

„Hier zu leben – mit einer russischen Familie und zwei Kindern mit russischer Staatsbürgerschaft – gibt mir eine andere Perspektive. Diese wird immer durch meine eigenen Ansichten ausgeglichen, die durch das Aufwachsen und das langjährige Leben in Kanada geprägt sind“, sagte Weir. „Zum Beispiel habe ich über zwei russische Kriege in Chechnya berichtet und war von Vielem, das ich dort sah, entsetzt. Noch zu meinen Lebzeiten gab es starke separatistische Bewegungen in Quebec – als ein kanadischer Befürworter des Föderalismus kann ich russische Frustrationen sehr gut verstehen – aber die kanadischen Methoden, mit solchen Problemen umzugehen, sind gänzlich anders und, wie ich meinen russischen Freunden zu sagen pflege, wenn das Thema auftaucht, sehr viel effektiver. Als Auslandskorrespondent hat man in Russland einen besonderen Status. Die Russen betrachten einen als eine Art romantisierte Figur, auch wenn sie der Meinung sind, dass man wahrscheinlich ein Spion ist. Es bleibt immer interessant.“

Pressefreiheit und insbesondere die Kritik an der Regierung sind in der westlichen Welt selbstverständlich. Skandale, Ermittlungen und Ähnliches sorgen immer wieder für Schlagzeilen oder schaffen es in die Morgen- und Abendnachrichten. Da zahlreiche nationale und regionale Nachrichtenquellen verfügbar sind, wird konsequente und verlässliche Information über die Aktivitäten der Regierung auf jedem Niveau als zu schützendes Recht angesehen. In Russland ist das nicht so selbstverständlich.

„In Russland gibt es keine Publikation, die zum Beispiel der New York Times oder der Washington Post entspricht, von einem Guardian ganz zu schweigen“, sagte Weir. „Allein der Gedanke, dass eine große russische Zeitung Storys über Lücken in der nationalen Sicherheit bringen könnte – wie es die amerikanischen Publikationen über den Edward Snowden-Fall tun – ist völlig undenkbar.“

Die Herausforderungen des Journalismus in Russland sind sowohl für aus- als auch inländische Autoren beträchtlich. Auf einer Konferenz vom Kennan Institute des amerikanischen Forschungsinstituts Wilson Centers in diesem Jahr verwies Elizaveta Osetinskaya, die Chefredakteurin von Forbes Russia, auf einen entscheidenden kommerziellen Aspekt in Bezug auf den investigativen Journalismus im Land – dass nämlich keinerlei finanzielle Ressourcen oder Unterstützung vorhanden sind. Die Förderung, die zur Finanzierung spezieller investigativer Projekte oftmals gebraucht wird, kann auch wenn sie genehmigt wird zur zweischneidigen Klinge werden, da Sponsoren den Autoren oftmals eine Zensur aufzwingen. Osetinskaya sprach darüber hinaus den Mangel an einer angemessenen Ausbildung an, unter dem russische Journalisten leiden, und war der Ansicht, dass Trainingsprogramme im Ausland ein Schritt in die richtige Richtung seien.

Ironischerweise lädt Russland trotz seiner eigenen mangelnden Ausbildung für Journalisten Reporter aus dem Ausland umso bereitwilliger dazu ein, für die dortigen Medien zu arbeiten, wenn auch nur bei Publikationen, die unter staatlicher Überwachung stehen. Für die in Russland heimischen Journalisten handelt es sich hier um ein empfindliches Thema. Weir sieht zwei Seiten der Medaille.

„In Russland werden Absolventen westlicher Journalistenschulen viele Arbeitsstellen in den neuen staatlichen Medien angeboten, wie zum Beispiel im englischsprachigen RT-Fernsehnetzwerk, der offiziellen Nachrichtenagentur RIA Novosti [Russische Agentur für internationale Informationen], Moscow News und anderen mehr. Ich glaube zwar, das ist alles eine Verschwendung von russischen Steuergeldern, doch – vielleicht anders als einige meiner Kollegen – stehe ich grundsätzlich der Idee, dass junge Menschen aus dem Westen hierher kommen und für diese Medien arbeiten, nicht feindlich gegenüber. Ich vermute, dass es heutzutage hier in Moskau viel mehr ausländische Journalisten gibt, die auf die eine oder andere Art für dem Kreml arbeiten, als klassische Korrespondenten wie ich einer bin.“

Genau wie in anderen Ländern, in denen die Beziehung zwischen den Medien und der Regierung eher kompliziert ist, hat diese Dynamik in Russland die Präsenz der sozialen Medien aufkeimen lassen. Weir erklärte, dass es dort einige Themen gebe, die nicht ausführlich von großen Pressepublikationen behandelt werden – anders als in der westlichen Welt, wo die Massenmedien tiefgreifend über die Regierungsgeschäfte berichten. Zu diesen Themen gehören Beamtenkorruption, dass innere Leben des Kremls und Detailwissen über Vladimir Putin. Folglich sind die sozialen Medien zu einer der wichtigsten Nachrichtenquellen für Basisbewegungen geworden.

„Während der Protestbewegung nach dem 11. Dezember waren Facebook, VKontakte und LiveJournal die besten Quellen, um von bevorstehenden Demonstrationen zu erfahren“, erinnert sich Weir. „Einige der interessantesten und empfindlichsten politischen Kommentare sind in Blogs zu finden. Anders als im Westen, wo die meisten wichtigen Nachrichten von professionellen Journalisten in den Massenmedien veröffentlicht werden und daher leicht verfügbar sind, bleibt Russlands politisches System viel undurchsichtiger und man muss auf die Blogosphäre zurückzugreifen, um Menschen zu finden, die solche Dinge offen diskutieren.“

Ähnlich wie in anderen BRICS-Staaten machen lokale soziale Netzwerke Facebook und Twitter in Russland Konkurrenz. Zwar zeigten neuere Studien des russischen Internetunternehmens Yandex auf, dass 60% der Russen ihre Twitter-Profile täglich aktualisieren, aber auf VKontakte – bekannt als das russische Facebook – werden ebenso viele Videos gepostet wie auf YouTube und Ende 2012 waren mehr als 190 Mio. Nutzer auf diesem Netzwerk registriert.

Eine derartige Begeisterung für soziale Medien könnte in Zukunft vielleicht Veränderungen im russischen Journalismus herbeiführen. Was auch immer die treibenden Kräfte sein werden, Weir empfiehlt all jenen, die sich für Arbeitsmöglichkeiten in den russischen Medien interessieren, sich auf Herausforderungen gefasst zu machen.

„Russland verändert sich. Wahrscheinlich steuert es auf eine neue Turbulenzphase zu und es ist nicht leicht, hier zu leben und zu arbeiten. Man muss viele vorgefasste Meinungen und Vorurteile aufgeben und sich darauf einlassen, Russland für sich zu betrachten. Es ist ein sehr dynamisches Land und wird in der Welt der Zukunft eine große Rolle spielen, also lohnt sich die Anstrengung. Aber es ist oft schwer, damit klarzukommen, und es kann sehr ärgerlich und frustrierend werden.“

Trotz dieser Ratschläge will Weir Journalisten aus dem Westen nicht entmutigen, neue Möglichkeiten zu erkunden. „Für Menschen, die interessiert und ehrgeizig genug sind, darüber zu berichten, wird Russland immer interessant sein. Die Welt verändert sich und Russland gibt sich Mühe, sich in den globalen Dialog einzubringen – wer weiß also, was aus diesen Mühen erwachsen wird? Wenn junge Journalisten hierher kommen und sich daran versuchen wollen, ein Teil dieser Entwicklung zu werden, und wenn sie bei diesem Prozess eine Menge dazulernen, kann ich es nur empfehlen.“

About Falk Rehkopf

Ehem. Geschäftsführer Cision Germany GmbH