BRICS Spezial: Südafrika – Alles Mxit?

BRICS Spezial: Südafrika - Alles Mxit?

Vor 12 Jahren haben Jim O’Neill und die Investment Bank Goldman Sachs einen Report veröffentlicht, der voraussagte, dass sich das Zentrum wirtschaftlicher Macht schrittweise weg von den grossen Industrienationen G7 (heute G8) hin zu einigen Entwicklungsländern verschieben würde. Jim O’Neill hat die Länder Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC; heute BRICS, da Süd-Afrika jetzt auch zu diesen Staaten zählt) als die Länder mit ausreichendem Wirtschaftswachstum identifiziert, um zu wichtigen Anbietern am Weltmarkt aufzusteigen. Mehr als 10 Jahre später werden diese Länder und deren wirtschaftliche Entwicklung auch weiterhin von den Medien beobachtet und kommentiert. Natürlich sind auch PR-Profis und Werber an diesen Ländern interessiert und Cision freut sich daher, eine neue vierteilige Serie zu präsentieren. Diese Serie – deren vierten Teil „Südafrika“ wir heute hier vorstellen – soll einen Einblick in die Kultur und einige der Veränderungen geben, die für Kommunikationsmaßnahmen in diesen Ländern von Bedeutung sind. Journalisten und andere Industrieexperten teilen ihre Erfahrungen, die sie in diesen Ländern gesammelt haben und stellen aktuelle Trendthemen, Kernindustrien und vielversprechende Ansätze des Pitchens und der Promotion vor. Den ersten Teil in dieser Serie „ Kommunikation in China – Zwei Insider berichten“ finden Sie hier. Den zweiten Teil „Indien – Ein Gespräch mit ‚Edelman Global Fellow‘ Darius Razgaitis“ finden Sie hier. Den dritten Teil „Brasilien – Wie der digitale Wandel die Printmedien verändert“ finden Sie hier.
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Über die Riesenschritte, mit denen Südafrika voranschreitet, gibt es viel zu sagen. Nach Jahrhunderten unter Kolonialherrschaft herrschte im Land bis 1990 die als Apartheid bekannte institutionalisierte Rassentrennung. Während die damals regierende Nationale Partei die Apartheid-Legislatur abzubauen begann, konnte der Rest der Welt die historische Freilassung des politischen Aktivisten Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft mitverfolgen. Nach der Etablierung einer Demokratie ohne Rassendiskriminierung im Jahr 1994 wurde Mandela der erste schwarze Präsident des Landes und der African National Congress (ANC) zur Regierungspartei. Da aber politische Revolutionen in Südafrika als enorme Triumphe angesehen wurden, kämpft das Land (post-Apartheid) mit Arbeitslosigkeit, Kriminalität, wirtschaftlicher Ungleichheit und Korruption. Wie in vielen anderen Ländern auch sind Medien in Südafrika wohl das wichtigste Mittel zur Reflektion und Diskussion über politische und soziale Gegebenheiten und haben zudem eine eigene beachtenswerte Geschichte.

Die politischen und sozialen Unruhen vergangener Jahrzehnte produzierten ein florierendes Angebot an unabhängigen Medien, die gerade anfänglich die Regierung in einer sehr offenen Art und Weise herausforderten und zur Rede stellten. Jedoch ist in den vergangenen Jahren eine deutlich spürbare Reaktion auf diese Positionierung der Medien erkennbar, denn mit dem ANC zusammenhängende Rundfunksender und Zeitungen haben Maßnahmen zur Förderung des sogenanntem „Sunshine-Journalismus“ ergriffen. Kürzlich ermahnte der Präsident Jacob Zuma in einer Rede an Journalismus-Studenten die südafrikanischen Medien wegen ihrer Fokussierung auf das Negative und ihrer Reportagen über Kriminalität und das Versagen der Regierung. Er betonte die Bedeutung einer patriotischeren Berichterstattung und attraktiver Schlagzeilen, um das Bild des Landes zu prägen. Das im August lancierte staatlich finanzierte Africa News Network (ANN7) wurde von einem ANC-Sprecher als Kanal angepriesen, der Medienfreiheit in objektiver Art und Weise ausübe und gleichzeitig die blühende Demokratie des Landes unterstütze. Im selben Monat forderte ein leitender Angestellter der staatlichen South African Broadcasting Corporation (SABC), dass 70% aller Nachrichten positiv sein sollten.

Diese Art von Politik hat bei vielen Medienfachleuten Fragen zur redaktionellen Unabhängigkeit aufgeworfen. Einige, darunter der Journalismus-Professor Anton Harber und die Organisation Media Monitoring Africa, fordern weniger Eingriffe in die Berichterstattung und sind der Meinung, dass die Entscheidung, was als positive oder negative Story gilt, bei den Lesern und Zuschauern liegen sollte. J. Brooks Spector, Autor bei The Daily Maverick und Kommentator bei zahlreichen Medienkanälen, ist seit seiner Ankunft in Südafrika Mitte der 70er Jahre als US-Diplomat Zeuge der Entwicklung der Beziehung zwischen Medien und Regierung.

„Historisch sind die Medien recht politisiert gewesen und man hat sich auf sie als Stimme der Unterdrückten verlassen“, sagte er. „Diese Aufgabe haben die Medien immer noch, aber die Regierung ist jetzt anders. Der ANC hegt zu den Medien Medien eine gewisse Hassliebe und meint, dass sie Hand in Hand mit liberalen Organisationen arbeiten.“

Spector weiß also um die Gradwanderung, die angesehene Journalisten bewältigen müssen. „Es herrscht eine fragwürdige Erwartungshaltung gegenüber den Medien – Es wurden schon Journalisten vor Gericht gebracht, weil sie dem Ruf eines Beamten geschadet hatten, was natürlich eine hemmende Wirkung auf andere Journalisten hat. Dennoch war die Berichterstattung sehr mutig. Den Medien wird zugemutet gleichzeitig nicht völlig neutral zu agieren, sich aber trotzdem nicht beeinflussen zu lassen und eindeutige Prinzipien in der Arbeit anzuwenden.“

Angesichts dieses Hintergrundes machen die Schwankungen in Politik und Regierung – sowie die daraus resultierenden sozialen Probleme – einen erheblichen Anteil der Berichterstattung in Südafrika aus. Arbeitslosigkeit, Erziehung und die medizinische Versorgung zählen zu den meistdiskutierten Medienthemen. Auch die wirtschaftliche Gesamtsituation des Landes und internationale Beziehungen sorgen für Schlagzeilen. Da China Südafrikas größter Handelspartner ist, berichten viele Wirtschaftszeitungen die dort zentralen Bergbau- und Energienachrichten.

Dann ist da noch eine unterhaltsamere Seite der Nachrichtenwelt. Laut Rebecca L. Webber, einer freiberuflichen Journalistin aus Boston, die seit mehr als zehn Jahren in Südafrika arbeitet, haben gerade die Industrien Technologie und Travel & Tourism die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen, besonders in Kapstadt. Sonderreportagen beschäftigen sich in der Hauptsache mit internationalen Themen. „Im Allgemeinen spielen internationale Storys in südafrikanischen Zeitungen eine sehr große Rolle“, sagte Webber. „Viele stammen von Nachrichtenagenturen und können daher zum Beispiel internationale Promi-Nachrichten beinhalten.“

Die Frage, auf welche Weise Nachrichten in Südafrika verbreitet werden, hängt vom Medium und seiner Verfügbarkeit ab. Während Hard News aus den großen Tageszeitungen zum größten Teil auch online verfügbar sind, so Webber, trifft dies nicht auf Nischenmedien zu. „Online-Veröffentlichungen erreichen in Südafrika keine große Leserschaft. Viele der großen Hochglanzmagazine stellen ihre Inhalte nicht online wie es ihre Schwestermagazine zum Beispiel in den USA tun.“ Spector sagt, dass der südafrikanische Durchschnittskonsument Nachrichten eher aus dem Radio als vom Fernsehen hat. Er sagt dem Online-Radio eine große Zukunft voraus und hört auch selbst mehrere Sender online.

In ihrem jährlichen Bericht „Global Entertainment and Media Outlook“ sagt die Unternehmensberatung PwC voraus, dass der südafrikanische Markt innerhalb von fünf Jahren um eine Gesamtrate von fast 11% anwachsen wird – einer der höchsten weltweit – und das trotz verschiedener negativer ökonomischer Entwicklungen in der letzten Zeit. Weil eine bedeutende Anzahl an Südafrikanern keinen Internetzugang hat, können über Printmedien und Radio noch immer die meisten Menschen erreicht werden, besonders über Werbung. Nichtsdestotrotz prophezeit der Report eine steigende Anzahl von Südafrikanern mit Internetzugang sowie einen exponentiellen Anstieg an Smartphones, Tablets und anderen internetfähigen Geräten, wodurch auch ein weiteres Medienwachstum gefördert wird.

Tatsächlich ist die digitale Medienlandschaft in Südafrika äußerst vielversprechend, wenn man die Nachfrage nach Mobiltelefonen bedenkt. Auch wenn die Hälfte der südafrikanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt – lokal sind sie als die Base of the Pyramid  bekannt – besitzen mehr als 75% der Geringverdienenden ein Mobiltelefon. Weil Handybenutzung und Datentransfer relativ viel kosten, werden Apps nicht regelmäßig benutzt – mit der ganz großen Ausnahme von Mxit.

Mxit, ein vor Ort entwickelter kostenloser Instant Messaging-Service, ist das größte soziale Netzwerk Südafrikas und für die breite Masse nicht nur wegen seiner Kosteneffizienz, sondern auch wegen seines [politischen] Aktivismus äußerst attraktiv. Mxit wurde weitgehend genutzt, um junge Wähler für die Parlamentswahlen 2014 zu motivieren. Darüber hinaus hat das Netzwerk vor kurzem Apps lanciert, die Ressourcen und Hilfe für Vergewaltigungsopfer und Beratung für HIV-Infizierte zur Verfügung stellen. Bei geschätzten 7 Millionen aktiven monatlichen Nutzern dient es zweifelsohne als die führende Plattform – noch vor Twitter oder Facebook – für wichtige Diskussionen, aber auch zum Empowerment verschiedener Gruppen von Südafrikanern.

Für alle, die journalistische Stellen in Südafrika erwägen, hat Webber einen Rat bezüglich der Leserschaft: „Der Hauptunterschied beim Schreiben über Südafrika besteht darin, dass Sachverhalte für Leser außerhalb Südafrikas wesentlich ausführlicher aufbereitet werden müssen. Man kann nicht zu viel Vorwissen im Bereich Geographie, Geschichte, Personen des öffentlichen Lebens usw. voraussetzen“, sagte sie. „Wenn ich für südafrikanische Leser schreibe, kann ich schneller zum Punkt kommen. Natürlich bevorzugen Zeitungen in Südafrika britische Ausdrucksformen und es herrscht ein anderer Slang. Aber allgemein nutze ich die gleichen journalistischen Prinzipien, Strukturen und Sprache. Narratives Berichten ist in den USA noch beliebter; in Südafrika tendieren Publikationen eher dazu, pyramidale Textstrukturenan zuwenden.“

Trotz all seiner Schwierigkeiten nach der Apartheid bleibt Südafrika aufgrund seines Entwicklungspotenzials weiterhin weltweit im Blickpunkt. Während der schnellen Veränderungen in Regierung und Gesellschaft dienen die Medien als ein allgegenwärtiger Spiegel der Entwicklungen. Die Medienindustrie, selbst noch im Aufbau, ist ebenso vielversprechend wie der Staat als solcher. Was die Zukunft für Südafrika auch bringen mag, die Medien werden zweifellos Spielmacher und treibende Kraft in der zukünftigen Entfaltung des Landes sein.

Pic Courtesy of Ethos Marketin


Kontakt

Rebecca L. Webber, freiberufliche Journalistin
@rebeccalweber

J. Brooks Spector, Daily Maverick
www.dailymaverick.co.za/opinionistas