“Content Marketing ist die neue PR” – Interview mit Jay Baer

Screen Shot 2014-04-16 at 08.36.50Heute startet Cision eine neue Reihe an Interviews mit deutschen und internationalen Content Marketing-Experten. Die Fragen haben wir in jedem Interview sehr ähnlich gestaltet, um eine Vergleichbarkeit herzustellen. Unseren Startschuss stellt Jay Baer aus den USA, ein erfahrener Redner und Autor in den Bereichen Content Marketing, Social Media, digitales Marketing und Vertrieb. Sein Blog Convince & Convert wurde vom Content Marketing Institute auf Platz 1 der weltweiten Spitzenliste von Content Marketing-Blogs gesetzt und erhält jeden Monat mehr als 200.000 Besucher. In unserem Gespräch erzählt Jay Baer, worauf es beim Content Marketing wirklich ankommt, wie die Zukunft der PR aussieht und welche Rolle dabei soziale Medien spielen.
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Sie sind einer der bekanntesten Social Media-Experten – wann haben Sie begonnen, sich auf soziale Medien zu konzentrieren?

Ich habe das ConvinceAndConvert.com Blog im Jahr 2008 gestartet. Auf dem Blog habe ich viele verschiedene Posts rund um digitales Marketing geschrieben, aber jedes Mal wenn ich über soziale Medien schrieb wuchs der Traffic exponentiell an. So wurde mir schnell klar, dass der Bedarf nach fachlichen Informationen und Erkenntnissen zum Thema Social Media bei den Unternehmen sehr groß war.

Sie sind in den USA – unter anderem wegen Ihres Buches ‘Youtility‘ – sehr bekannt. Ist das Youtility-Konzept in jedem Land anwendbar? 

Auf jeden Fall – Youtility als Einstellung sagt nichts Anderes aus, als dass man Marketing schaffen kann (und sollte), das so nützlich und wertvoll ist, dass die eigene Zielgruppe sogar dafür bezahlen würde, wenn man sie darum bäte. Diese Art von Marketing, die den Menschen und nicht den Hype in den Mittelpunkt stellt, funktioniert überall, weil wir alle darauf programmiert sind, nützlche und wertvolle Dinge zu wollen.

Wie wendet man Youtility in der Praxis an?

Konzentrieren Sie sich darauf, Ihren Kunden und potentiellen Kunden wertvolle Informationen und Einsichten zu präsentieren, und bedenken Sie, dass dies später Sichtbarkeit, Umsatz und treue Kunden generieren wird, auch wenn Sie Ihren Content jetzt kostenfrei zur Verfügung stellen. Youtility erfolgreich anzuwenden bedingt ein sehr gutes Grundverständnis der wahren Bedürfnisse der jeweiligen Kunden und dabei geht es fast niemals um das Produkt an sich. Niemand braucht Socken – was wir brauchen sind warme Füße. Übersetzt heißt das, dass Produkte ein Mittel zum Zweck sind. Es ist also entscheidend, herauszufinden, was Kunden wirklich brauchen, und ihnen genau das mithilfe von Youtility zu geben.

Kann jedes Unternehmen Youtility anwenden?

Youtility

Tatsächlich ist es für kleinere Unternehmen einfacher, Youtility-Marketing anzuwenden, weil sie in der Regel nicht an der klassischen Mentalität hängen, nach der nur Marketing betrieben werden sollte, das sich gut verkauft und schnelle Erfolge zeigt. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist der Start-Up Buffer.com. Buffer führt ein unglaublich nützliches Blog, in dem es nur selten um die eigenen Produkte geht. Dieses Blog verzeichnet mehr als 700.000 Besucher im Monat, weil es für seine Leser nützlich ist.

In welche Richtung wird sich die PR-Industrie entwickeln?

Content Marketing entwickelt sich mehr und mehr zu der Methode, mit der Unternehmen vorzugsweise ihre Zielgruppe zu erreichen versuchen. Die PR wird diese Entwicklung zunehmend anführen. Content Marketing ist die neue PR, denn auch wenn die Mittel, mit denen Content Marketing betrieben wird, zu den Owned Media gehören, so ist doch die Aufmerksamkeit die man damit erarbeit, ‘earned’ und damit im Teil der PR-Domäne.

Die Cision Social Journalism-Studie belegt, dass es immer noch viele Social Media-Skeptiker gibt – warum ist das so?

Es muss und wird immer Skeptiker geben – Social Media passt eben nicht zu allen Unternehmen. Ebenso wie die PR, das Fernsehen oder Direktmarketing-Aktionen sich nicht für alle Unternehmen eignen. Wichtig ist aber, sich darüber im Klaren zu sein, dass mehr als 75% aller Verbraucher in den USA und Westeuropa privat und/oder beruflich soziale Medien benutzen. Und das ist ein Fakt und keine Modeerscheinung.

Der Satz “Content ist Feuer und Social Media ist Benzin” stammt von Ihnen – welche sozialen Medien werden auch in der Zukunft eine Rolle spielen?

Das ist eine sehr gute Frage und die Antwort darauf habe ich leider nicht. Ich denke aber, dass soziale Medien als Vertriebs- und Vermarktungskanal in der Zukunft eine weniger bedeutende Rolle spielen werden. Dagegen wird ihre Bedeutung als Servicekanal zunehmen. Ich kann da aber auch fundamental falsch liegen.

Die Werbeausgaben im sozialen Netz sollen auf $11 Milliarden im Jahr 2017 wachsen – was bedeutet dies für Content Marketing?

Das stützt sehr den Ansatz, dass Content Feuer ist und Social Media Benzin, wobei einiges von diesem Benzin auch bezahlte Werbung in den sozialen Medien ist.

Wie wird sich das auf das Verhalten von Internetnutzern auswirken?

Die sozialen Netzwerke (Facebook usw.) müssen bei der Art und Weise, wie sie Werbung in die Nutzererfahrung einfügen und integrieren, Vorsicht walten lassen. Wenn zu viel Werbung auf die Nutzer einströmt und diese Werbung obendrein nicht relevant genug ist, wird das die Nutzer frustrieren und das Engagement auf sozialen Netzwerken verringern.

Hat die klassische Werbeanzeige ausgedient? Steht Content Marketing heute für das Marketing an sich?

Nein. Ich glaube aber, dass mittelmäßige, klassische Werbung heute wesentlich weniger effektiv ist. Man kann heutzutage nicht einfach durch eine große Geldspritze schlechte Planung und eine schlechte Durchführung aufwiegen. Aber gibt es Beispiele für großartig gelungene klassische Werbung? Natürlich, und die wird es immer geben. Content Marketing ist nicht neu; das gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Aber es entwickelt sich auf jeden Fall zu einer Möglichkeit, über die Unternehmen effektiv und effizient Kunden ansprechen können.

Wie geht man bei der Erstellung von Content am besten vor? Welche Materialien verwendet man und was spricht die Menschen am meisten an?

Das hängt ganz von den Kunden ab. Deshalb ist es so wichtig, nicht nur die Bedürfnisse einer Zielgruppe zu verstehen, sondern auch ihre Präferenzen in den sozialen Medien und ihre Gewohnheiten beim Umgang mit Inhalten zu begreifen. Recherche ist hierbei entscheidend!

Wir bedanken uns bei Herrn Baer für das interessante Interview und wünschen weiterhin viel Erfolg!

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Kontaktdaten

Jay Baer – Persönliche Webseite und auf Twitter
Convince and Convert – Unternehmensberatung für Digitales Marketing
“Youtility” – Why smart Marketing is about help not hype
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