“Soziale Medien verändern die Berufspraxis von Journalisten, aber nicht ihre beruflichen Werte” – Interview mit Dr. Ágnes Gulyás

Die Köpfe hinter der Social Journalism-Studie - Dr. Ágnes Gulyás über deutsche Journalisten im internationalen Vergleich

Den vollständigen Deutschland-Report der Social Journalism-Studie 2014/15 können Sie hier herunterladen:

Zum Download_orange_button

In einer dreiteiligen Interviewreihe wollen wir ab heute die Ergebnisse der Social Journalism-Studie 2014/15 näher betrachten und befragen dazu die Köpfe hinter der Cision-Studie. Im ersten Interview erklärt Dr. Ágnes Gulyás, Reader in Digital Transformations an der britischen Canterbury Christ Church University und eine der akademischen Analystinnen der Social Journalism-Studie, einige der Ursachen hinter den Trends in der Nutzung sozialer Medien durch deutsche Journalisten seit 2011. Wir haben uns mit Dr. Gulyás über das Social Media-Verhalten deutscher Journalisten im internationelen Vergleich und was dies für die Arbeit von PR-Profis mit Journalisten bedeutet.

Trotz steigender Social Media-Kenntnisse bleibt die Nutzung sozialer Medien durch deutsche Journalisten passiv. Warum?

Die Köpfe hinter der Social Journalism-Studie - Dr. Ágnes Gulyás über deutsche Journalisten im internationalen Vergleich

Mit der Integrierung sozialer Medien in den journalistischen Arbeitsalltag haben deutsche Journalisten auch ihre Kenntnisse zu Social Media erweitert. Heute sagen 78% deutscher Journalisten, dass sie mindestens gute Kenntnisse über soziale Medien haben. Je mehr sich Journalisten mit den Tools befassen, umso mehr lernen sie auch über den Umgang mit Social Media. Journalisten sind in sozialen Medien gewiss nicht untätig. Die meisten von ihnen nutzen Social Media zwar am ehesten zur Recherche – im Gegensatz zu Tätigkeiten wie Posten oder Bloggen – aber Recherche muss nicht unbedingt passiv sein. Die Social Journalism-Studie zeigt allerdings auch deutlich, dass Journalisten in ihrer Nutzung sozialer Medien weniger zur Interaktion mit Anderen neigen und mehr zum Lesen und Konsumieren von Inhalten – das wiederum ist durchaus eine passive Art der Social Media-Nutzung. Die Social Journalism-Studie 2014/15 zeigt zum Beispiel, dass 38% deutscher Journalisten täglich Beiträge von Personen lesen, denen sie in sozialen Medien folgen. Dagegen hinterlassen nur 9% täglich Kommentare auf einer Seite oder einem Social Media-Profil. In der Hinsicht ist also die Art und Weise, wie Journalisten soziale Medien nutzen, durchaus eher passiv als aktiv. Welche Social Media-Aktivitäten öfter oder weniger oft stattfinden, hat in vergangenen Jahren aber ein gemischtes Bild ergeben. Zum Beispiel neigen deutsche Journalisten heute eher dazu, täglich eigene Kommentare im sozialen Netz zu posten (22,3%) als noch vor drei Jahren (16,7%). Sie neigen aber weniger dazu, sich täglich mit anderen Social Media-Nutzern zu vernetzen und Kontakte aufzubauen (8%) als vor drei Jahren (11%). Die eine interaktive Tätigkeit hat sich also erhöht, die andere ist dagegen zurückgegangen. Das zeigt meines Erachtens, dass Journalisten soziale Medien in einer strategisch zielgerichteten Weise benutzen. Sie gebrauchen soziale Medien so, wie es für sie am besten funktioniert, nachdem sie verschiedene Funktionen und Plattformen ausprobiert haben. Das führt uns außerdem vor Augen, dass soziale Medien von Natur aus sehr vielfältig sind und von Journalisten auf viele verschiedene Arten genutzt werden.

Deutsche Journalisten haben 26 Mal so viele Follower in sozialen Medien wie der deutsche Durchschnitt. Was bedeutet das für PR-Profis?

Diese Zahlen veranschaulichen, dass Journalisten weiterhin als Nachrichten- und Informationsquelle von entscheidender Bedeutung sind, auch in den sozialen Medien. Somit sind sie unverzichtbar für PR-Profis, die mit ihrer Kommunikation Zielgruppen erreichen wollen, ohne im Lärm unterzugehen. Ich bin der Ansicht, dass PR-Profis weiterhin Journalisten brauchen, um ihre Storys zu verbreiten.

Warum machen sich deutsche Journalisten mehr als ihre internationalen Kollegen Sorgen um ihre Privatsphäre und Datenschutz?

Natürlich ist es bei einer quantitativen Studie nicht leicht, genaue Gründe für eine Entwicklung statistisch zu ermitteln. Ich glaube allerdings, dass die Ursachen nicht im Journalismus oder der journalistischen Praxis an sich liegen, sondern kulturelle Gründe haben. Kulturspezifische Faktoren und Werte sind hier besonders wichtig, denn sie haben Einfluss auf persönliche Einstellungen gegenüber Privatsphäre und Datensicherheit. Es wäre sicherlich spannend, hier noch mehr zu forschen, um diese Frage ausführlicher zu beantworten.

Welchen Wert hat die Einordnung von Journalisten in verschiedene typische Nutzergruppen?

Anhand einer Clusteranalyse ist es möglich, ein nuanciertes Bild davon zu zeichnen, wie Journalisten soziale Medien in ihren Arbeitsalltag aufnehmen und integrieren. Weil es sich hierbei um einen so komplexen Prozess handelt, halte ich es für notwendig, ihn mithilfe von analytischen Tools zu untersuchen, die dieser Komplexität gerecht werden. Dazu gehört auch die Clusteranalyse. Ich glaube, wenn man beispielsweise nur dokumentiert, wie häufig oder selten Journalisten Social Media nutzen, würde man es sich zu einfach machen. Mit Clustern kann man verschiedene Nutzertypen unterscheiden und dabei nicht nur die Häufigkeit der Social Media-Nutzung berücksichtigen, sondern auch Verwendungszwecke, Arten von Aktivitäten und die persönliche Einstellung zu sozialen Medien. Die daraus folgenden Lernerfahrungen helfen in der Zusammenarbeit mit Journalisten.

Die Köpfe hinter der Social Journalism-Studie - Dr. Ágnes Gulyás über deutsche Journalisten im internationalen Vergleich

Wie hat sich die jeweilige Social Media-Nutzung innerhalb der einzelnen Nutzergruppen verändert?

Die Schlüsselmerkmale jedes einzelnen Clusters haben sich kaum verändert. Der Name jeder Nutzergruppe ist so konzipiert, dass er auch Aufschluss über das Verhalten der jeweiligen Journalisten gibt. So nutzen Beobachter soziale Medien hauptsächlich zur Recherche und Medienbeobachtung, sie sind aber nicht so eifrige Social Media-Nutzer wie Journalisten in manchen anderen Nutzergruppen. Sie posten auch nicht viele eigene Kommentare. Was sich in den meisten Nutzergruppen verändert hat sind ihre spezifischen Aktivitäten in sozialen Medien, die Nutzung bestimmter Plattformen sowie einige Änderungen in der Nutzungshäufigkeit und Einstellungen gegenüber sozialen Medien. Journalisten in der Gruppe der Beobachter nutzen soziale Medien zum Beispiel häufiger als noch vor drei Jahren und erachten sie als wichtiger für ihre Arbeit als 2011.

Warum haben deutsche Journalisten ein so traditionelles Bild von ihrer eigenen Rolle als Journalisten?

Das traditionelle Bild von ihrer beruflichen Rolle haben deutsche Journalisten mit Journalisten anderer untersuchter Länder gemeinsam. In allen Ländern, in denen wir die Umfrage durchführten, hielten Journalisten die Interpretation und Analyse von Geschehnissen sowie über Menschen in politischen und sozialen Machtpositionen zu ermitteln für ihre zentralen Aufgaben. Als etwas weniger kennzeichnend im journalistischen Selbsterständnis wurde eine zeitnahe Berichterstattung gesehen.

Interessanterweise war nur die Hälfte der Journalisten der Meinung, dass ihr Output kommerziellen Ansprüchen genügen muss, obgleich der Prozentanteil in dieser Hinsicht von Land zu Land variierte. Diese Kombination von Werten macht das Selbstverständnis von Journalisten aus.

Welche Folgen hat das für die Arbeit von PR-Profis?

Ich glaube, es ist wichtig zu beachten, dass berufliche Werte sich in der Regel nicht schnell ändern. Die täglichen Arbeitsprozesse von Journalisten unterliegen aufgrund sozialer Medien starkem Wandel, aber wie Journalisten sich selbst beruflich sehen und was ihnen wichtig ist ändert sich nicht so schnell. PR-Profis sollten sich bei ihrer eigenen Arbeit stets dessen bewusst sein.

Was zeichnet deutsche Journalisten im internationalen Vergleich aus?

Es gibt sicherlich einige Unterschiede in Bezug auf die Nutzung sozialer Medien durch Journalisten aus verschiedenen Ländern. Eines der Hauptergebnisse unserer Studie ist allerdings, dass es hier viele Ähnlichkeiten gibt. Innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums sind soziale Medien in der journalistischen Arbeit in allen Ländern angekommen, die wir untersucht haben, und nun bilden sie einen wesentlichen Bestandteil der „technologischen Infrastruktur“ des Berufs. Meiner Meinung nach werden diese Ähnlichkeiten mit der Internationalisierung der Medienlandschaft und des Informationsflusses noch stärker hervortreten. Die Unterschiede, die wir gefunden haben, existieren hauptsächlich aus kulturellen Gründen und aufgrund von Unterschieden im Kontext der Social Media-Nutzung. Auch die Art und Weise, wie Medien produziert werden und strukturiert sind, spielt hier eine Rolle. Der auffälligste Unterschied zwischen Deutschland und den anderen Ländern sind die bereits angesprochenen Einstellungen zur Privatsphäre und zum Datenschutz.

Welchen Einfluss haben diese Besonderheiten auf den Gebrauch sozialer Medien bei deutschen Journalisten?

Die Einstellung zu Privatsphäre und Datensicherheit könnte die Häufigkeit, mit der deutsche Journalisten soziale Medien nutzen, beeinflussen. Ebenso ist davon auch die Art und Weise berührt, wie Social Media in den journalistischen Arbeitsalltag eingebettet ist. Tatsächlich könnte diese Einstellung zum Thema Privatsphäre und Datenschutz ein Grund dafür sein, dass deutsche Journalisten soziale Medien weniger und weniger aktiv nutzen als Journalisten in anderen untersuchten Ländern.

Wie werden deutsche Journalisten soziale Medien in Zukunft nutzen?

Die Ergebnisse der Studie zeichnen ein komplexes Bild von der Social Media-Nutzung deutscher Journalisten. Manche Tätigkeiten werden seltener, andere häufiger durchgeführt als in vergangenen Jahren. Heute nutzen viel mehr deutsche Journalisten täglich soziale Medien als in den vier Jahren zuvor. Darüber hinaus hat sich die Zahl der wöchentlichen Nutzer von Blogs und Mikroblogs seit 2011 verdoppelt und die Nutzung beruflicher sozialer Netzwerke hat sich verdreifacht. Insofern glaube ich nicht, dass die Nutzung sozialer Medien sich über die Zeit hinweg mit einer einzigen Zahlengruppe ausdrücken lässt. Die Nutzung sozialer Medien im Berufsalltag ist vielschichtig und komplex und Journalisten nutzen Social Media-Tools innerhalb spezifischer Kontexte. Tatsächlich impliziert dies vor allem eine zunehmende Fragmentierung des Berufs und Differenzierung journalistischer Praktiken. Das bedeutet, dass der Begriff “Journalist” heute wesentlich komplexer ist, und dieser Prozess wird sich auch in Zukunft fortsetzen.

Cision bedankt sich bei Frau Dr. Gulyás herzlich für das interessante Gespräch und die gute Zusammenarbeit an der Social Journalism-Studie!

Den vollständigen Deutschland-Report der Social Journalism-Studie 2014/15 können Sie hier herunterladen:

Zum Download_orange_button