Griechenland: “Politische Diskussionen finden am häufigsten in sozialen Medien statt” – Interview mit der Modebloggerin Rania Kelesidou

Griechenland: "Politische Diskussionen finden am häufigsten in sozialen Medien statt" - Interview mit der griechischen Modebloggerin Rania Kelesidou

[You can find the English version of this interview here.]

Nach unseren Gesprächen mit den griechischen Blogs All You Need Is StyleBeauty Co.CoSmells Like Fashion und Miss BlouBlou schließen wir heute unsere Interviewreihe mit der griechischen Fashionbloggerin Rania Kelesidou von Nothing Like Fashion ab.

Frau Kelesidou führt seit 2011 ihren englischen und griechischen Blog Nothing Like Fashion, in dem sie alles zum Thema Outfits, Beauty, Shopping, Fitness und sonstige Tipps veröffentlicht. Gleichzeitig geht sie an der University of Thessaly ihrem Maschinenbaudiplom nach. In unserem Gespräch berichtet Frau Kelesidou, wie sich die Situation in Griechenland auf die Fashion-Blogosphäre ausgewirkt hat und welche Rolle soziale Medien in der politischen Diskussion spielen.

Inwiefern sind Sie selbst von der aktuellen Lage in Griechenland betroffen?

Griechenland: "Immer mehr Menschen wenden sich zu digitalen Medien und soziale Medien" - Interview mit Rania KelesidouIch glaube, es ist praktisch unmöglich, in Griechenland zu leben, ohne von der Situation betroffen zu sein. Zum einen hat es unseren Alltag dramatisch verändert, sowohl unsere Finanzen als auch unsere Stimmung. Zum anderen ist da natürlich die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ich studiere schon fast mein ganzes Leben, um eines Tages Maschinenbauingenieurin werden zu können, und meine Eltern haben hart gearbeitet, um mich dabei unterstützen zu können. Aber angesichts der aktuellen Lage und wegen der steigenden Arbeitslosenquote reisen viele unvermeidbar ins Ausland ab. Auf der anderen Seite ist da mein Hobby, das Bloggen (ich nenne es ein Hobby, weil ich nicht davon lebe) und ich frage mich manchmal ehrlich, ob es nicht doch völlig sinnlos ist. Die Griechen haben jeden Tag mit echten Problem zu kämpfen, es gibt sogar Familien, die nicht nicht einmal das Nötigste leisten können, also frage ich mich ganz selbstverständlich, ob Mode und Lifestyle in dieser Situation überhaupt noch eine Rolle spielen.

Haben Sie seit Beginn dieser Krise etwas an Ihrem Blog geändert?

Natürlich habe ich einige Dinge verändert – manchmal war das nicht einmal bewusst oder beabsichtigt. Da mein Blog eine Art Tagebuch für mein Leben ist und sich mein Alltag verändert hat, ändert sich natürlich auch der Blog. Ich habe mir nie sehr teure Sachen oder ein luxuriöses Leben geleistet, von Anfang an mochte ich erschwingliche Marken und habe gerne bei Sonderangeboten zugeschlagen und habe nur ab und zu einige wenige Designer-Artikel erworben, wenn sie im Angebot waren. Das alles wissen meine Leser natürlich. Seit der Krise komme ich natürlich immer seltener dazu, mir neue Outfits zu kaufen, und ich zeige jetzt selten Neues in meinem Blog.

Welchen Einfluss hat die aktuelle Situation auf Ihre Leserschaft und wie begegnen Sie dem?

Obwohl die Griechen im Alltag mit sehr schwierigen Situationen zu kämpfen haben, glaube ich, dass sie über das Internet und Blogs dennoch nach Unterhaltung suchen. Vielleicht suchen wir gerade wegen unserer Probleme nach Entspannung und danach, unsere Probleme zu vergessen und in gewissen Momenten etwas optimistischer zu sein. Neben der allgegenwärtigen Berichterstattung der finanziellen und politischen Krisen ist es schön auch die Option zu haben, ab und zu etwas Anderes, Leichteres zu lesen. Zum Glück habe ich bisher keine negativen Erfahrungen mit kritischen Kommentaren gemacht. Ich glaube, die meisten Leute sind sich dessen bewusst, dass es bei Modeblogs nicht darum geht, zu prahlen oder Konsumdenken zu fördern, sondern um einfache Männer und Frauen, die ihre Leidenschaft mit Anderen teilen wollen.

Wie nehmen Sie die Darstellung der Krise in lokalen und internationalen Medien wahr?

Bei diesem Thema gibt es wirklich keine Spur von Sachlichkeit. Auf der einen Seite gibt es internationale Medien, die die Schuld den Griechen zuweisen und uns als faul und eitel darstellen, und andere, die implizieren, Griechenland wolle ständig Geld nehmen, ohne es zurückzuzahlen. Auf der anderen Seite gibt es lokale Medien, die den Menschen Angst einjagen wollen, insbesondere solche, die sich gegen die aktuelle Regierung stellen. Wir haben in letzter Zeit wirklich alles gesehen und gehört. Zum Glück gibt es noch einige vernünftige Stimmen, sowohl international als auch lokal, aber in diesen schwierigen Zeiten (wie zum Beispiel durch die wochenlange Schließung der Banken) fällt es den Leuten verständlicherweise nicht immer leicht, auf sie zu hören.

Welche Medien lesen Sie persönlich?

Ich lese fast ausschließlich digitale Medien. Zum Thema Mode lese ich viele Blogs und Fashion-Webseiten. Gelegentlich kaufe ich mir auch Magazine, weil ich es mag, wie sie sich anfühlen. Wenn es aber um Nachrichten geht, informiere ich mich nur über das Internet, sowohl auf griechischen als auch auf internationalen Webseiten.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der öffentlichen Diskussion der Krise in Griechenland?

In den letzten Monaten finden politische Diskussionen am häufigsten in sozialen Medien statt. Dort teilt man Artikel, sagt seine Meinung und kommentiert einander oft. Das ist meiner Meinung nach sehr interessant und eine sehr gute Nutzung der Meinungsfreiheit. Natürlich nur solange es nicht soweit kommt, dass die Leute gegeneinander aggressiv werden und es in sozialen Medien zu Schlammschlachten kommt (was leider manchmal passiert und mich sehr traurig stimmt).

Wie wird sich die griechische Medienlandschaft als Folge dieser Krise verändern?Griechenland: "Immer mehr Menschen wenden sich zu digitalen Medien und soziale Medien" - Interview mit Rania Kelesidou

Die Medienlandschaft hat vermutlich schon angefangen, sich zu verändern. Die Leute verlieren das Vertrauen in traditionelle Medien und haben genug von den Medien, auf die sie sich jahrelang verlassen haben – wie zum Beispiel das Fernsehen oder Zeitungen -, weil sie jetzt merken, dass zu viel Falschinformation und versuchte Manipulationen der öffentlichen Meinung in diesen Publikationen stecken. Immer mehr Menschen wenden sich digitalen Medien und auch sozialen Medien zu, wo die traditionellen Medien in letzter Zeit häufig stark kritisiert werden.

Wie bewerten Sie das Referendumsergebnis?

Um ehrlich zu sein, war das “Nein” zu erwarten. Nach all dem, was wir in den vergangenen Jahren durchgemacht haben, wird nichts besser und stattdessen alles nur immer schlimmer. Deshalb sind die Leute zu dem Schluss gekommen, dass die Politik der vergangenen Jahre einfach nicht funktioniert hat. Wir brauchten alle eine Veränderung, aber wir wollen auch immer noch in der Eurozone bleiben, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil wir uns auch als ein Teil davon fühlen. Das Gefühl, zu Europa zu gehören, ist bei den Griechen sehr stark. Ich rede nicht oft über Politik, weil ich über das Thema sehr wenig weiß, aber ich hoffe wirklich, dass unsere Politiker einen Weg finden, das Beste für unser Land zu tun.

Was möchten Sie noch gern hinzufügen?

Ich habe große Hoffnungen, dass endlich einmal die richtigen Entscheidungen für Griechenland getroffen werden. Leider wurde dem griechischen Volk oft etwas vorgemacht und Viele machten uns falsche Versprechungen. Die Leute im Ausland sind sich dessen vielleicht nicht ganz bewusst und das ist auch verständlich, denn sie hören ja immer nur, dass Griechenland mehr Geld braucht. Allerdings hat dieses Geld nie die griechische Bevölkerung erreicht. Ich hoffe sehr, dass es nicht wieder dazu kommen wird.

Wir bedanken uns bei Frau Kelesidou für das interessante Gespräch und wünschen ihr für die Zukunft alles Gute!

Vernetzen Sie sich mit Rania Kelesidou auf Twitter oder Instagram.