“Viele verstehen den Zusammenhang zwischen medialem Sexismus und sexueller Gewalt nicht” – Interview mit Kristina Lunz von StopBILDSexism

"Viele verstehen den Zusammenhang zwischen medialem Sexismus und sexueller Gewalt nicht." Interview mit Kristina Lunz von #StopBILDSexism

Am gestrigen Sonntag, 8. März 2015, begingen politische Organisationen und Medien weltweit den Internationalen Frauentag. Wir nehmen dies zum Anlass für ein Gespräch mit Kristina Lunz, Mitbegründerin und Leiterin der Kampagne StopBILDSexism, die mit einer Petition an Kai Diekmann das nackte “BILD-Girl” aus der Boulevardzeitung entfernen will. Damit zeigt sich in Deutschland ein Anliegen, das schon in Großbritannien auftrat, als die Kampagne “No More Page 3” sich darum bemühte, das so genannte “Page 3 Girl” aus der Boulevardzeitung The Sun zu verbannen. Zum Internationalen Frauentag 2015 starteten die UnterstützerInnen von StopBILDSexism die Aktion #MehrAlsMeinKörper, bei der Frauen dazu aufgefordert wurden, auf Fotos Schilder mit ihren Talenten und Charaktereigenschaften hochzuhalten, mit denen sie sich identifizieren. Wir haben uns mit Frau Lunz über ihre Kampagne, die gesellschaftlichen Folgen von medialem Sexismus sowie die nationale und internationale Situation von Frauen in Politik und Medien unterhalten.

"Viele verstehen den Zusammenhang zwischen medialem Sexismus und sexueller Gewalt nicht." Interview mit Kristina Lunz von #StopBILDSexismWofür setzt sich StopBILDSexism ein?

Wir setzen uns ganz konkret gegen die sexistische Berichterstattung der BILD ein, die Männer und Frauen ungleich darstellt. Während Männer als tatkräftig und aktiv charakterisiert werden, reduziert der BILD-Journalismus Frauen auf ihre Körper und Sexualität. Als ersten Schritt fordern wir in einer Online-Petition die Abschaffung des BILD-Girls. Da das BILD-Girl jedoch nur exemplarisch für den Sexismus in BILD steht, verlangen wir einen generellen Verzicht auf eine sexistische Berichterstattung – Männer und Frauen müssen endlich mit demselben Respekt in unseren Medien dargestellt werden.

Darüber hinaus möchten wir auch auf den Zusammenhang zwischen medialem Sexismus und seiner kulturellen Akzeptanz sowie seine Auswirkungen auf andere Formen der Unterdrückung und Diskriminierung, z. B. sexuelle Gewalt, aufmerksam machen.

Trotz der drückenden Beweislast für den Zusammenhang zwischen einer objektivierenden Frauendarstellung und geschlechtsspezifischer Gewalt publizieren BILD und andere Medien weiterhin sexistische Artikel und Bilder. Woran liegt das?

Das ist eine sehr gute Frage, denn die Beweislast ist in der Tat niederschmetternd. Darüber hinaus gibt es keine moralische Rechtfertigung, Frauen derart passiv, respektlos und degradiert darzustellen.

Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Menschen womöglich nicht den Zusammenhang zwischen den Folgen sexistischer Berichterstattung und den Auswirkungen auf eine Gesellschaft und eben auch auf deren Partnerinnen, Töchter, Freundinnen verstehen. Denn „This has never been about being ‘offended’, but being affected by it“ (“Es ging nie darum, dass jemand dadurch ‘beleidigt’ ist, sondern dass Menschen davon betroffen sind”), wie die britische Abgeordnete Stella Creasy das „Page 3 Girl“ der Sun einmal in The Guardian kommentierte.

Womöglich liegt es auch daran, dass wir bislang viel zu wenige Frauen in den Redaktionen sitzen haben, worauf die Initiative ‚Pro Quote’ aufmerksam macht. Dass eine gleichberechtigte Positionierung von Männern und Frauen in den Redaktionen einen Kulturwandel und somit eine respektvollere Darstellung von Frauen mit sich bringen würde, ist natürlich eine Vermutung, denn einen derart optimalen Zustand hat Deutschland noch nie gesehen. Aber die Vermutung erscheint plausibel. Es ist zu hoffen, dass durch mehr Frauen in Spitzenpositionen ein Kulturwandel eintritt und die Gleichberechtigung Realität wird.

Spiegeln Medien wie BILD den bereits vorhandenen Sexismus in unserer Gesellschaft wider oder treiben sie diesen an? Was bedeutet das für Ihre Kampagne?

Sowohl als auch. Die Wirkung ist meines Erachtens bidirektional und verstärkt sich gegenseitig. Zum einen treibt der Sexismus in BILD und anderen Medien den Alltagssexismus sowie andere Auswirkungen von geschlechterspezifischer Diskriminierung voran, das hat eine Vielzahl an Studien gezeigt. Andererseits spiegelt die mediale Berichterstattung den Sexismus unserer Gesellschaft auch wider. Denn sonst wäre es BILD wohl nicht möglich gewesen, Frauen in ihrer Berichterstattung seit so langer Zeit abschätzig darzustellen. So etwas scheint nur in einer Gesellschaft möglich, für die Sexismus und eine ungleiche Behandlung von Mann und Frau zur Normalität gehören und alltäglich sind.

Das bedeutet für uns, dass wir über die Folgen von (medialem) Sexismus aufklären wollen und gleichzeitig unser Anliegen unermüdlich BILD vorbringen.

In den Schlagzeilen wurde verkündet, die britische Sun hätte das “Page 3 Girl” aus der Zeitung entfernt, doch eine Woche später tauchten dort wieder Nacktmodels auf. Wie reagieren Sie darauf?

Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie wenig Frauen wertgeschätzt werden. Nicht nur, dass das “Page 3 Girl” als Spielball von bestehenden Dominanzstrukturen missbraucht wurde, auch den vielen Männern und Frauen in Großbritannien, die sich gegen diesen Sexismus einsetzen, zeigte die Sun sehr deutlich, wie sehr sie deren Bemühungen gegen Sexismus und für eine respektvollere Gesellschaft missbilligt.

2012 wollten BILD und Bild.de im Rahmen des Weltfrauentags ein Zeichen für Respekt gegenüber Frauen fördern, indem das BILD-Girl von Seite 1 verbannt wurde. Wie sieht es 2015 aus? Ist das scheinheilig?

Es hatte den Anschein, BILD hätte erkannt, dass ihre Berichterstattung herablassend und respektlos ist. Im Großen und Ganzen war es jedoch nur eine Farce. Wer Frauen nur an ihrer Fähigkeit zur männlichen Bedürfnisbefriedigung misst, kann nicht ernsthaft behaupten, er/sie interessiere sich für die Rechte von Frauen.

Was hat sich in Ihrer Kampagne getan, seit Kai Diekmann Sie auf Twitter angesprochen hat? Stehen Sie über die sichtbaren Tweets hinaus mit Herrn Diekmann in Kontakt?

Die Kampagne ist noch sehr jung, aber dennoch sehr erfolgreich. 11 Männer und Frauen arbeiten unermüdlich für eine faire und gerechte Gesellschaft, auch künftiger Generationen.  Sehr viele Abgeordnete des Bundestags, des Europäischen Parlaments und andere AktivistInnen unterstützen uns dabei offiziell. Und auch die Medien haben unser Anliegen vielfach aufgegriffen. Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen: den Wunsch einer gleichberechtigten Gesellschaft teilen viele.

Ich habe Kai Diekmann schon des Öfteren zum Dialog aufgefordert, unter anderem in meinem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Bis auf seltsame Tweets, die eher einem Ablenkungsmanöver gleichen, geht er nicht inhaltlich auf unsere Forderungen ein. Wohl eben weil die Beweislast erdrückend ist.

 

In Ihrer Petition schreiben Sie, dass Sie persönlich Opfer von Diskriminierung wurden und dies Ihre Motivation für die Kampagne war. Wie sieht es heute aus? Ist Ihre Motivation hauptsächlich persönlich oder ist daraus etwas Politisches geworden?

Mein Engagement geht tatsächlich auf persönliche Erfahrungen sowie die Erfahrungen von Freundinnen zurück. Kaum eine Freundin in meinem Bekanntenkreis hat bisher noch keine sexuelle Belästigung oder sogar sexuelle Gewalt, beispielsweise in Form von Vergewaltigungen, erlebt.

Durch meine akademische Ausbildung und das Wissen über bestehende Dominanzstrukturen, Formen und Auswirkungen von Diskriminierung  ist meine Motivation sowohl  privat als auch gesellschaftspolitisch begründet.

 

Wie sehen Sie die Situation international? Glauben Sie zum Beispiel, dass es in Europa ein Nord-Süd-Gefälle gibt, was Sexismus angeht?

Es gibt in der Tat viele Beispiele dafür, dass die skandinavischen Länder in manchen Belangen politisch fortschrittlicher sind. Ein Beispiel hierfür wäre, dass in Norwegen bereits 2003 die Frauenquote in Aufsichtsräten beschlossen wurde. Deutschland hat nun endlich nachgezogen. Die Politik hat erkannt: systematische Diskriminierung ist sehr komplex. Der Satz „erfolgreiche Frauen setzen sich auch ohne Quote durch“ ist viel zu blindäugig und kurz gedacht.

Ein weiteres Beispiel wäre Sexismus in der Werbung. Unsere Freundinnen und Freunde von Pinkstinks setzen sich für ein Verbot von sexistischer Werbung ein, da diese eben auch Frauen degradiert und zu Alltagssexismus beiträgt. Wie eine Ausstellung in der schwedischen Botschaft Anfang des Jahres sowie dieser Artikel zeigen, ist Schweden da um Einiges fortschrittlicher.

Es gibt Stimmen, die sagen, Sexismus sei in den südlichen Ländern Europas stärker ausgeprägt. Bei diesem spezifischen Thema möchte ich jedoch die Experten und Expertinnen aus diesen Ländern lieber selbst du Wort kommen lassen.

Wie unterscheidet sich Sexismus in Form von Bildern von Sexismus in Form von Texten?

Bilder erschließen sich schneller, „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“, jeder kann sich seine eigenen Gedanken machen; für Texte braucht der geneigte Leser Zeit und Muße. Dafür kann umfassender und ausschmückender berichtet werden.

Was tun Sie über die Petition hinaus? Ihre Mitstreiterin Sophia Becker arbeitet beim Deutschen Bundestag – arbeiten Sie an direkt politischen Initiativen?

Die Petition ist in der Tat nur ein Teil unserer Kampagne. Wie bereits erwähnt, publizieren wir Artikel in verschiedenen Medien wie beispielsweise ZOD Culture, BILDblog und The European. Des Weiteren starten wir unterschiedliche Aktionen mit unseren UnterstützerInnen, wie beispielsweise die BILD-Schlagzeilen Aktion sowie die #MehrAlsMeinKörper-Aktion zum Internationalen Weltfrauentag. Wir sind momentan auch im Gespräch mit Schulen, wo wir demnächst Vorträge über die Auswirkungen von Sexismus halten werden. Und ja, wir sind auch in stetigem Kontakt mit Bundestagsabgeordneten – die Tatsache, dass Sophia Becker im Bundestag arbeitet, ist da natürlich hilfreich. Das alles machen wir ehrenamtlich, neben unseren Vollzeitjobs.

Welche Rolle spielen soziale Medien für Sie?

Soziale Medien sind ein sehr wichtiges Werkzeug. Wir nutzen sie, um UnterstützerInnen und solche, die es werden wollen, über unsere Kampagne zu informieren und mit ihnen zu interagieren. Gemeinsam kämpfen wir so für eine fortschrittlichere Gesellschaft. So sind wir zum Beispiel auf Facebook und Twitter präsent.

Im Journalismus sind die Geschlechter ungleich verteilt: In journalistischen Führungspositionen, aber auch als Autoren von Artikeln sind Männer häufiger vertreten. Wie denken Sie darüber?

Das ist, wie in allen Bereichen wo ein derartiges Missverhältnis vorzufinden ist, ein großes Problem: es kann dann auch dazu führen, dass bestimmte Themen und Ansichtsweisen unterrepräsentiert sind.

Wir müssen uns fragen: Wenn wir gleiche Chancen für alle haben, jedoch diese Chancengleichheit nicht zu fairen Ergebnissen führt, welche Faktoren bedingen diese Diskrepanz? Eine sich reproduzierende Kultur, politische Entscheidungen und medial fortwährend wiederholte Geschlechterstereotypen sind nur einige Ursachen. Ob durch eine weibliche Chefredakteurin bei der BILD-Zeitung ein Umdenken stattfinden würde, ist hingegen Spekulation. Ein Fortschritt wäre es jedoch allemal.

Wie haben Sie sich auf den Internationalen Frauentag 2015 vorbereitet? Was war das Ergebnis Ihrer Social-Media-Aktion #MehrAlsMeinKörper?

Unsere Aktion soll zeigen: Frauen sind mehr als ihre Körper und haben vielfältige Fähigkeiten, Träume und Charaktereigenschaften. Wir haben daher Frauen dazu aufgerufen, uns auf einem Schild mitzuteilen, was sie ausmacht. Die Bilder wurden am Weltfrauentag unter #MehrAlsMeinKörper und #MoreThanMyBody über Facebook und Twitter veröffentlicht. Die Aktion gestern war ein voller Erfolg. Wir haben unzählige Bilder erhalten, die die geballte Vielfalt von Frauen darstellen. Das zeigt: sehr viele Menschen teilen den Wunsch nach einer respektvollen Berichterstattung mit uns und setzen sich dafür ein, dass der mediale Sexismus ein Ende hat.

"Viele verstehen den Zusammenhang zwischen medialem Sexismus und sexueller Gewalt nicht." Interview mit Kristina Lunz von #StopBILDSexism

Wir bedanken uns bei Frau Lunz für das interessante Gespräch und wünschen ihr weiterhin viel Erfolg!