Medien im Blickpunkt: Booklist Online

Medien im Blickpunkt: Booklist Online

Es ist schon erstaunlich, wie sich das Buch als eines der ältesten Medien der Welt in den letzten fünf Jahren verändert hat. eReader – wie zum Beispiel der Kindle von Amazon – haben unsere Lesegewohnheiten nachhaltig beeinflusst. Durch diese Entwicklung ist auch die ehemals intime Beziehung zwischen dem Buch und seinem Leser aufgelöst, denn die Hersteller von eReadern sammeln konstant viele Daten und so wird jeder Leser auch selbst gelesen – und zwar von den Herstellern. Hinzu kommt, dass unabhängige Kritiken und Rezensionen sehr viel schneller erscheinen – zum Beispiel auf Blogs oder anderen sozialen Medien (die Top-Blog-Ranglisten “Literatur” für die USA, Deutschland und andere Länder finden Sie hier). Wir haben diese Entwicklungen mit Herrn Keir Graff besprochen – Herr Graff ist Autor von vier Romanen sowie Redakteur des US-Online-Magazins Booklist Online.

Seit 100 Jahren hilft die von der American Library Association herausgegebene gebundene Ausgabe der Booklist Lesern bei ihrer Suche nach neuen Werken. Für die digitale Ausgabe – Booklist Online – ist Herr Graff zuständig. Ein Teil des digitalen Angebots ist eine für Abonnenten reservierte Datenbank, die Zugang zu mehr als 130.000 Büchern, Hörbüchern, Videos sowie Kritiken bietet. Außerdem bietet die Webseite auch sechs Blogs an, sechs Newsletter, verschiedene Twitter Feeds, eine Facebook Seite sowie ein beeindruckendes Angebot an regelmäßig stattfindenden (Web-) Seminaren.

„Die Geschwindigkeit, mit der Bücher heutzutage verfasst, veröffentlicht, verkauft und beworben werden, ist wirklich atemberaubend. Zudem ist die verfügbare Menge an Informationen über Werke und Autoren durch soziale Medien extrem angestiegen,“ sagte Herr Graff. „Natürlich bringt diese Geschwindigkeit viele Vorteile mit sich, aber es ist auch eine Herausforderung, allein dem Volumen an heute verfügbaren Informationen gerecht zu werden. Einige der Redakteure, mit denen ich rede, sagen, dass wir einen Gang zurückschalten sollten – doch den ersten Schritt will dann doch niemand wagen.“

Eine der wichtigsten Neuerungen im Bereich der Buchbesprechungen war das Aufkommen von Leserrezensionen auf Blogs und Webseiten wie Amazon oder Goodreads. „Noch vor wenigen Jahren haben sich Verleger mit Vorabveröffentlichungen an Journale wie Booklist Online gewandt. Heutzutage wenden sich Herausgeber bevorzugt an Blogger und Amateurkritiker, da diese oft bereit sind, schon nach einigen Tagen eine Rezension über ein Buch zu verfassen und in dieser Hinsicht Magazine wie Booklist ablösen,“ sagte Herr Graff. “Und in diesem Zusammenhang ist es schon wichtig, als Erster zu publizieren, und traditionelle Medien haben hier einen eindeutigen technischen Nachteil – zum Beispiel wegen der Druckproduktion – aber auch wegen des Anspruchs, sorgfältig konzipierte, bearbeitete und überprüfte Kritiken publizieren zu wollen.

Booklist versucht aber, sich an diese Veränderungen anzupassen. „Auch wenn wir nicht 8.000 Buchkritiken im Jahr superschnell veröffentlichen können, so verfassen wir unsere Kritiken heute wesentlich schneller, aber immer noch mit Bedacht und mit einem hohen qualitativen Anspruch. Außerdem – wo nur möglich – veröffentlichen wir auch Web-First-Kommentare, gerade bei Publikationen, die mit einem Embargo belegt sind.“

Herr Graff steht der großen Menge an verfügbaren Informationen auf sozialen Netzwerken positiv gegenüber, da so die Szene mit vielen neuen Stimmen bereichert wird. Relevanz spielt jedoch nach wie vor noch eine wichtige Rolle. „Ich bin überzeugt, dass die heutige Flut an Informationen es Lesern schwerer macht, verlässliche Quellen zu finden,“ sagt Herr Graff. Zudem ist er der Überzeugung, dass Organisationen wie Booklist noch immer relevantere Quellen als beispielsweise Zeitungskritiken sind; zumal sich auch Bibliotheken sehr an Booklist orientieren. 

Aber auch die eBook-Industrie ist nicht zu ignorieren, da diese zweifelsohne das Blatt in der Industrie gewendet hat. Herr Graff sieht eReader als „komplett neue Art, über Bücher und Bibliotheken zu denken.“

Außerdem nutzen Selbstverleger die Möglichkeiten und die Unmittelbarkeit des eBooks, denn „wir sehen hier gerade eine wahre Explosion an neuen Titeln, die so riesig ist, dass sie gar nicht mehr genau zu erfassen ist.“

Die Frage, ob Booklist auch Rezensionen für selbst verlegte eBooks anbietet, bejaht Herr Graff, obwohl es praktisch sehr selten passiert. „Wir wollen es vermeiden, Kritiken von Werken zu veröffentlichen, bei denen wir nicht sicher sind, ob diese dann auch wirklich zu erwerben sind,“ erklärt er. „Hinzu kommt, dass unsere Auswahlmethode der Bücher, die wir uns anschauen wollen, einer hundertjährigen Entwicklung und Tradition unterliegt. Das eBook bringt neue Herausforderungen bezüglich der Datenverwaltung mit sich und da wir mit mehr als 200 Kritikern arbeiten, müssen diese auch kompatible eReader besitzen.“

Als Buchliebhaber ist es für Herrn Graff schwierig, sein persönliches Lieblingsbuch zu nennen – unter den im letzten Jahr veröffentlichten Büchern hat ihm aber das Buch Skagboys – ein Buch des schottischen Autoren Irvine Welsh – am besten gefallen.

Tipps für den PR-Pitch bei Booklist Online 

Booklist Online wird sich auch weiterhin auf Buchrezensionen konzentrieren. „Unser Budget für Interviews mit Autoren, Profilbeschreibungen und dergleichen mehr ist begrenzt und ich habe kaum Zeit, solche Nachfragen zu berücksichtigen.“

„Ein guter Pitch besteht aus Inhalten, die keine weitere Bearbeitung benötigen, thematisch zu unseren Besprechungen passen und diese zudem vervollständigen, z.B. unveröffentlichte Fotos, Hörbeispiele oder ein Autor, der so freundlich ist, unsere spezifischen und manchmal auch ungewöhnlichen Fragen zu beantworten.“ (Hostile Questions)

Auf die häufig gestellte Frage, ob man Bücher an Booklist Onlne senden kann, antwortet Herr Graff: „Wir erhalten jährlich über 50.000 Bücher und können nicht jedes einzeln beantragen. Senden Sie uns einfach die Bücher.“

Booklist Online besteht aber darauf, einen konkreten Ansprechpartner innerhalb der Verlegerfirmen genannt zu bekommen. Nicht zu wissen, an wen man sich wenden kann, ist ein Ärgernis für Herrn Graff. Verleger sollten auch nicht jeden Tag neu veröffentlichte Bücher zusenden, sondern ein wenig besser planen.

Booklist Online veröffentlicht keine Kritiken zu bereits erschienenen Büchern.

Zudem empfiehlt Herr Graff, vor Zusendung eines Buches die Auswahlkriterien von Booklist Online zu lesen. Anfragen sollten am besten per E-Mail gestellt werden, anstatt per Telefon. „Ich schätze PR-Profis, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, bevor sie uns ein Angebot machen und auch nicht zu häufig nachhaken.“

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[Image courtesy of BuzzFeed]

Folgen Sie Herrn Graff auf Twitter: @Booklist_Keir

Außerdem bietet Booklist Online auch sechs Blogs an, sechs E-Newsletters, verschiedene Twitter Feeds, eine Facebook-Seite sowie regelmäßige Web-Seminare.