Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi – Die journalistische Perspektive

Alle zwei Jahre richten sich die Augen der Welt auf eines der größten Sport- und Medienereignisse weltweit: die Olympischen Spiele. Jede Disziplin weckt neue Begeisterung und neues Erstaunen und bietet zugleich einen Einblick in Kulturen, mit denen man sonst wahrscheinlich nicht in Berührung käme.

Die Olympischen Winterspiele in Sotschi, Russland, werden morgen, am 07. Februar 2014, eröffnet. Durch zusätzliche 12 Veranstaltungen werden dies die bisher größten Winterspiele werden und passenderweise im größten Land der Erde stattfinden. Der amerikanische Sender NBC Sports verspricht nie dagewesenes Live-Streaming über Facebook und aller Augen sind auf die Aktivitäten von Sportlern und Zuschauen in den sozialen Medien gerichtet. Das Cision-Ranking der Top NBC-Journalisten, die aus Sotschi berichten, finden Sie hier.

Zusammen mit den besten Sportlern Deutschlands haben die meisten Länder auch ihre besten Reporter und Analysten entsandt, um über das Ereignis zu berichten. Genau wie die antretenden Sportler stammen auch diese Journalisten aus unterschiedlichen Kulturen und jeder von ihnen verleiht der Berichterstattung über die Olympischen Spiele seine einzigartige Stimme. Für die meisten Menschen auf der Welt sind die Beiträge dieser Reporter ein Fenster zu ihrer persönlichen Erfahrung der Winterspiele und – vielleicht zum ersten Mal – eines Teils der russischen Kultur.

Ato Boldon hat bereits als Reporter und als Sprinter an den Olympischen Spielen teilgenommen und gewann vier Medaillen für sein Heimatland Trinidad und Tobago. Er trat zum ersten Mal 1992 in Barcelona an und kehrte 1996, 2000 und 2004 zu den Spielen zurück. Boldon berichtet bereits seit zehn Jahren und liefert dabei primär Kommentare zu leichtathletischen Disziplinen. Dieses Jahr wird er zusammen mit den Korrespondenten Mary CarilloCris Collinsworth und Bob Costas aus dem NBC-Sportstudio berichten. „Es gibt nur wenige erfahrene Reporter, deren Olympia-Karriere so kürzlich hinter ihnen liegt wie meine. Ich habe einen engen Bezug zu fast allem, was bei einer Olympiade passieren kann, weil ich selbst als Wettbewerber bei vier Olympiaden alle Höhen und Tiefen erlebt habe. Dazu kommen dann noch die zwei Male, die ich als Reporter dabei war“, sagte Boldon.

Wie bei jedem Ereignis, das so viele Menschen anzieht, wird die Sicherheit in Sotschi groß geschrieben. Bedenkt man die Boykotte, Demonstrationen und sogar Bombenanschläge vergangener Spiele, ist das nicht weiter erstaunlich. In einer Pressekonferenz Anfang dieses Monats beschrieb Gary Zenkel, Vorsitzender NBC Olympics, die Sicherheitsmaßnahmen als beispiellos, „was Berechtigungsnachweise, Überwachung und die Menge an Ressourcen betrifft, die für das Areal verantwortlich sind. Gäste und Zuschauer müssen eine Berechtigung vorweisen können. Ohne einen so genannten ‚Zuschauerpass‘ kommt man gar nicht erst in einen Olympiapark oder einen Veranstaltungsort hinein. Das bedeutet, dass bei jedem, der einen solchen Pass hat, auch ein Hintergrundcheck durchgeführt wurde“, erklärte Zenkel der Presse.

Seit feststeht, dass die Winterspiele 2014 in Russland stattfinden würden, wurde dem Land viel Aufmerksamkeit geschenkt und es hat nicht an Berichten über die Konflikte in Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit gefehlt. Eine Folge davon sind viele Mutmaßungen und Diskussionen darüber, was Sotschi in den kommenden Wochen bevorsteht, sowohl auf als auch neben der Piste.

Brett Forrest, dessen Berichterstattung in Sotschi für ‚ESPN The Magazine‘ den Themenbereich Kultur umfasst, ist mit der Kultur und Politik in Russland vertraut, da er zuvor einige Zeit im Land gelebt und auch einige Zeit in Sotschi verbracht hat. Zusätzlich berichtet er über soziale Fragen und sich ergebende Probleme. „Ich denke, dass die Besucher über die hohen Sicherheitsmaßnahmen überrascht sein werden, aber das ist einfach etwas, um das man sich heutzutage bei einem solch großen Ereignis kümmern muss. Sotschi ist nur eine weitere Steigerung davon“, sagte er.

Er führte ferner an, dass Proteste gegen das zu Beginn des Jahres erlassene Propagandagesetz gegen Homosexuelle sowie gegen die Diaspora und den Völkermord an den Tscherkessen nicht nur wahrscheinlich sind, sondern durchaus erwartet werden.

Angesichts des in Russland erlassenen Propagandagesetzes gegen Schwule und Lesben und der Tatsache, dass die USA und andere Länder mehrere Sportler und Abgeordnete entsenden, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, wird angeregt darüber spekuliert, wie in den Medien über das Thema berichtet werden wird und inwiefern es den Sportlern möglich sein wird, sich selbst zu präsentieren.

Die „Gay and Lesbian Alliance Against Defamation“ (Allianz Schwuler und Lesben gegen Diffamierung – GLAAD) drängt die Medien dazu, diese Probleme anzusprechen. Viele schlagen internationale Proteste gegen diesen und andere Streitpunkte wie zum Beispiel die Pressefreiheit in Russland vor. Immerhin besteht nun eine Möglichkeit zu solchen Protesten, da Wladimir Putin die Einschränkungen, die er Anfang des Jahres gegen Demonstrationen erhob, erheblich gelockert hat.

Der NPR-Reporter Sonari Glinton sagte dazu: „Wir sind darauf vorbereitet, dass es zusätzlich zu den sportlichen Ereignissen auch Anderes zu berichten geben wird, sei es über die Politik in Russland oder die der Sportler selbst.”

„Wir gehen davon aus, dass wir unter Beobachtung stehen werden. Als Fachreporter interessiere ich mich aber auch für das Thema Cyber-Attacken und Phishing“, fügte Glinton hinzu. Er erklärte ferner, dass bei einer Reise ins Ausland immer Vorsicht im Umgang mit Kreditkarten und persönlichen Informationen angebracht ist. Bei einer solch hohen Konzentration vieler Reisender an einem Ort „wird es sicherlich zu Phishing-Attacken und ähnlichen Vorfällen kommen – man muss einfach vorsichtig sein.“

Glinton hat zuvor schon über die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) berichtet und freut sich über die Gelegenheit, nach Sotschi zu reisen. „Vorher hätte ich gar nicht gedacht, dass ich diesen Ort jemals bereisen würde. Ich wäre auch daran interessiert, mir die hiesige Automobil-Industrie anzuschauen und herauszufinden, wie die Dinge hier unterschiedlich gehandhabt werden, auch in Bezug auf Emissionen.“

Mit der Aussage, sie seien eingeschüchtert und belästigt worden, haben russische Journalisten sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dies impliziert eine gewisse Unstimmigkeit zwischen den Bestimmungen der Olympischen Charta und dem Alltag in Russland. Tatsächlich werden viele der Medien in Russland vom Staat kontrolliert und Pressefreiheit ist nicht selbstverständlich. Auch wurde berichtet, dass es für lokale Medien üblich sei, zensiert und von jeglichen Inhalten, die der Landesbehörde peinlich werden könnten, bereinigt zu werden.

„Als Reporter zum Beispiel in den USA fühlt man sich selten beobachtet oder gar bedroht. Man muss selten darüber nachdenken, wie ein Bericht bei einer Behörde oder der Regierung ankommen wird. Die Situation in Russland ist nicht so, dass man sich ständig in körperlicher Gefahr befände, aber es besteht doch die Wahrscheinlichkeit, dass gewisse Dinge passieren, je nachdem worüber man schreibt und was man darüber sagt”, meinte Forrest. „Es gibt einige grundlegende Unterschiede. Dazu muss man aber auch sagen, dass es in Russland nicht so schlimm ist, wie es manche Menschen in der westlichen Welt glauben wollen.“ Forrest ist der Meinung, dass die meisten ausländischen Journalisten und Korrespondenten wahrscheinlich keine Probleme mit der hiesigen Regierung haben werden. Aber: „wenn man sich zu weit in sehr heikle Themen hineinwagt – wenn man beispielsweise über Terrorismus schreibt und nah an gewisse Angelegenheit herankommt – wird das bei der Regierung wahrscheinlich Bedenken erregen.“

Boldon gab einige hilfreiche Empfehlungen, die für erfahrene Reisende selbstverständlich sein dürften: „Es ist wichtig, zu bedenken, dass man Gast in einem fremden Land ist. Ich finde es immer sehr merkwürdig, dass viele Menschen denken, sie sollten international überallhin reisen und sich so verhalten können, wie sie es zu Hause gewohnt sind“, sagte er. „Ich habe einen guten Blick für so etwas als jemand, der 25 Jahre lang an einem ganz anderen Ort lebte als in seinem Geburtsland.“

Gleichermaßen gilt: Wenn man Gäste zu Hause willkommen heißt, bemüht man sich um deren Wohlbefinden und darum, dass sie den Aufenthalt genießen. Ebenso wird es in Russland während der Olympiade geschehen.

„Viele Menschen werden überrascht sein. Sie werden ein sehr modernes Russland zu Gesicht bekommen. Sie werden Menschen sehen, die wirklich stolz auf ihr Land sind. Sie werden Menschen sehen, die sich sehr viel Mühe geben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen“, prophezeit Forrest.

„Das ist doch gerade der Zweck dieser Spiele für Russland. Deshalb möchten sie unbedingt Gastgeberland sein. Und deshalb haben sie so viel Geld in das Ereignis investiert – sie wollen die globale Wahrnehmung verändern.“

Die Eröffnungs- und Schlußzeremonie versprechen, beeindruckend und unvergesslich zu werden. Die Medien sind darauf vorbereitet, sich besonders eingehend mit der russischen Kultur und den Veranstaltungen zu befassen. Und überall auf der Welt werden sich Familien und Freunde versammeln, um die Sportler ihres Landes anzufeuern, die lange für diese Chance gearbeitet haben, um der oder die Beste in ihrer jeweiligen Disziplin zu werden.
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