Unruhen in Istanbul: Wie geht ein Reise-Blogger damit um? Ein Reality-Check mit Sabrina Iovino

Just One Way Ticket Sabrina

Durch die in Teilen sehr exotischen Reiseberichte, geben uns Reiseblogger einen unterhaltsamen, informativen und oftmals auch aufklärenden Einblick in ferne, fremde Welten; gerne auch in Form von praktischen Ratgebern. So finden sich auch in Sabrina Iovinos Reise-Blog ‘JustOneWayTicket‘, Posts mit Titeln wie „10 reasons why you should travel to the Philippines“ und „Tokyo
– 9 facts about the most fascinating and bizarre city in the world

Cision wurde hellhörig, als wir einen Ihrer neueren Posts sahen – Ein fotografisches Essay über die Unruhen in Istanbul: ‘TAKSIM SQUARE – 10 DAYS AFTER ISTANBUL GOT OUT OF CONTROL‘. Wir haben uns mit Frau Iovino – die 5 Minuten vom Taksim-Platz enfernt wohnt – darüber unterhalten, wie sie die Situation direkt erlebt und warum sie einen Foto-Essay über die Unruhen veröffentlichte.

Frau Iovino, seit einem Jahr leben Sie in Istanbul. Wie nehmen Sie die derzeitige Situation wahr?

Ehrlich gesagt habe ich am Anfang überhaupt nicht verstanden, was hier abgeht. Am Freitag, dem 31. Mai, als alles begann, war ich gerade in einem Coffeeshop auf der Istiklal Street (Shopping Boulevard in Istanbul, unweit vom Taksim Platz) als plötzlich Menschenmassen in den Laden stürmten, auf dem Boden zusammenbrachen, keuchend und hustend.

Ich schaute raus und sah, wie die Polizei die Menschen die Istiklal herunterjagte, die Straße war voller Nebel. Ich habe keine Ahnung wie lange ich in dem Coffeeshop verharrte, etwa 2 oder 3 Stunden, dann schnappte ich meine Sachen, verließ den Laden und rannte nach Hause so schnell ich konnte. Ich hab ehrlich gesagt kaum eine Erinnerung wie ich nach Hause kam, es war wie im Film.

Am Abend verfolgte ich die Nachrichten und den News Feed meiner türkischen Freunde auf Facebook. Ich war schockiert. Unglaublich brutale Videos kursierten im Internet, ich hatte wirklich Angst in den darauffolgenden Tage auch nur in die Nähe des Taksim Platzes zu gehen. Ich wohne nur 5 Gehminuten vom Taksim Square entfernt.

Die Tage darauf wurde der Strom in unserer Wohnung tagsüber abgestellt. Zuhause konnte man nichts tun, kein Internet mehr, aber auch rausgehen war keine gute Idee, der Gestank von Tränengas wurde so unerträglich, dass wir die meiste Zeit die Fenster geschlossen hielten.

Eine Woche später traute ich mich zurück auf den Taksim Platz. Es war unglaublich. Nicht wieder zu erkennen. Von der Polizei keine Spur. Stattdessen ein großes Festival. Tausende von Menschen feierten ausgelassen, tanzten und sangen, an jeder Ecke wurde Essen und Bier verkauft. Die ganze Istiklal Straße und auch der Taksim Platz war mit Graffitis übersäht, ausgebrannte Busse und Autos blockierten die Straßen, die zum Taksim Platz führen. Die meisten meiner Fotos entstanden an diesem Tage.

Dienstag früh, den 11. Juni, eskalierte es dann wieder. Die Polizei kam zurück an den Taksim Square und feuerte Gas in alle Richtungen.

Unruhen in Istanbul - Wie geht ein Reiseblogger damit um?

Hatten Sie Bedenken, über ein brisantes, tages-politisches Thema in dieser angespannten Situation direkt aus der Türkei zu berichten?

Klar hatte ich Bedenken und habe es immer noch; im Internet kursieren genug Berichte darüber, dass Blogger und sogar Anwälte verhaftet wurden. Ich werde demnach keinerlei politische Statements abgeben. Die Situation hier im Lande ist ziemlich unberechenbar.

Was in Istanbul gerade abgeht hat mich ziemlich schockiert. Ich werde Istanbul am Freitag für eine Weile verlassen, mit ziemlich gemischten Gefühlen…

Wie hat Ihre Leserschaft auf Ihren Beitrag zu den Unruhen reagiert?

Der Beitrag ging erst vor 2 Tagen online und ich habe dieses Mal wirklich nicht viel herum geworben, weil ich einfach Bedenken hatte. Viele meiner Freunde waren schockiert als sie die Fotos sahen. Der Taksim Square, Istanbuls Vorzeige-Platz, sieht aus wie ein Schlachtfeld nach einem Massaker. Ich hatte die Fotos erst privat auf meinem Facebook veröffentlicht, dutzende meiner Freunde haben die Fotos geteilt und mich ermutigt es auf meinem Blog zu veröffentlichen.

In vorigen Berichten, geht es eher um schöne Landschaften und die „schönen Seiten“ des Reisens. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Themen aus?

Das Foto Essay über Istanbul war ziemlich spontan und absolut nicht geplant. Meistens schreibe ich über das, was mich gerade bewegt, unabhängig davon ob es mit den schönen Seiten des Reisens zu tun hat oder nicht…

Istanbul Turkey Taksim - picture 2
Istanbul Turkey Taksim - picture 1

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Sabrina Iovino vom Reiseblog  Just One Way Ticket für das offene Gespräch und wünschen alles Gute!

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