Griechenland-Krise: “In sozialen Medien herrscht Krieg mit Tastaturen statt Schusswaffen” – Blogger-Interview mit Alexia Sakellariou

Wie geht eine griechische Modebloggerin mit der Krise im eigenen Land um? - Interview mit Smells Like Fashion

[You can find the English version of this interview here.]

Am gestrigen Sonntag stimmten die Griechen im Referendum mit “Nein” gegen die Bedingungen der Gläubiger. Nicht erst seit dieser Entscheidung muss auch die griechische Medienlandschaft mit der Krise im Land umgehen. Wir haben Alexia Sakellariou, die Autorin des griechischen Modeblogs Smells Like Fashion, dazu befragt, wie sie die aktuelle Situation bewertet.

Sakellariou widmet sich seit 2010 in ihrem zweisprachig griechisch-englischen Blog Smells Like Fashion weltweiten News aus der Modebranche sowie detailliertem Reports von griechischen Modenschauen und Fashion Events, Interviews, Trend-Reports und Outfits. Nach ihrem Abschluss in Advertising & Public Relations von der Panteion University studiert sie jetzt in London und verfolgt die Geschehnisse in ihrer Heimat von dort aus. Wir unterhielten uns mit Frau Sakellariou über die Folgen der aktuellen Situation für die von ihren Landsleuten als “Luxus” wahrgenommene Modeblogosphäre und ihre Wahrnehmung der Diskussion in sozialen, digitalen und traditionellen Medien sowie darüber, wie die junge Generation die Griechenland-Krise wahrnimmt.

Inwiefern sind Sie selbst von der aktuellen Lage in Griechenland betroffen?

Seit etwa zehn Monaten lebe ich in London, weil ich hier meinen Master in Modejournalismus absolviere. Ich arbeite zur Zeit nicht, um mich auf meinen Abschluss zu konzentrieren und bin daher finanziell von meinen Eltern abhängig. Das war schon vorher schwierig, aber die letzte Woche war der Wahnsinn. Es ist alles so ungewiss, wir wissen nicht einmal, ob wir jetzt in der Eurozone bleiben oder ob wir zu unserer alten Währung zurückkehren. Was würde das jeweils für uns bedeuten? Wir stehen also einer ungewissen Zukunft gegenüber und wie alle Menschen fürchten wir uns vor dem Ungewissen.

Haben Sie seit Beginn dieser Krise etwas an Ihrem Blog geändert?

Wie geht eine griechische Modebloggerin mit der Krise im eigenen Land um? - Interview mit Smells Like Fashion

Seit den Anfängen von Smells Like Fashion habe ich versucht, bescheiden zu sein. Natürlich gehörte ich nie zu den Mädchen, die sich teure Sachen leisten konnten, aber ich will auch nicht so einen Lebensstil befürworten. In der letzten Woche wurde es allerdings ziemlich schlimm. Ich kann nicht (und will auch nicht) teure Produkte promoten, selbst wenn ich von solchen Marken bezahlt werde. Ich kann mich auch nicht für einen “luxuriösen” Lebensstil aussprechen, indem ich zum Beispiel Fotos meiner neuen Kleider und Schuhe poste. Das Witzige ist ja, dass die Dinge, die früher für uns selbstverständlich waren, jetzt als Luxus gelten. Die Blog-Leser regen sich schnell auf und geben auch spitze Kommentare ab (bis jetzt habe ich so etwas noch nicht erlebt, aber andere Blogger schon). Einfach gesagt: Man kann mit Menschen, die sich finanziell nichts leisten können, nicht über Mode sprechen –  Menschen, die nur €60 am Tag vom Geldautomaten abheben können und nur mit Mühe ihre Rechnungen bezahlen oder Medikamente kaufen können und in ihren Küchenregalen Lebensmittel hamstern. Gleichzeitig kann ich aber meinen Blog nicht aufgeben – er ist meine “Eintrittskarte” in ein besseres Leben, meine Arbeit, meine Leidenschaft, meine Identität. In der Vergangenheit war Mode aber auch in viel schlimmeren Situationen noch präsent. Man denke zum Beispiel an den New Look, den Christian Dior kurz nach dem zweiten Weltkrieg kreierte. Man darf Mode also nicht einfach aufgeben. Außerdem soll mein Blog ja auch unterhaltsam sein. Wenn ich ihn aufgebe oder anfange, darin über Politik zu sprechen, wen wird er dann noch unterhalten? Wer wird darüber seine Probleme vergessen können? Niemand. Also versuche ich, mit der Situation geschickt umzugehen und schaue, was passiert.

Welchen Einfluss hat die aktuelle Situation auf Ihre Leserschaft und wie begegnen Sie dem?

Wie gesagt reagieren viele Leute in letzter Zeit sehr schroff. Ich selbst habe noch keine scharfen Kommentare bekommen. Vielleicht liegt das darin, dass ich mir Mühe gebe, bescheiden zu sein und geschickte Wege zu finden, meinen Content zu verbreiten. Was das Engagement angeht, habe ich tatsächlich in letzter Zeit mehr Likes für meine Posts bekommen als sonst. Ich lade gerne schöne Bilder von London hoch, damit meine griechischen Leser für einen Moment ihre Probleme vergessen können, gleichzeitig vermeide ich es aber, Fotos von teuren Klamotten oder Edelrestaurants. Da bin ich sehr vorsichtig.

Wie nehmen Sie die Darstellung der Krise in lokalen und internationalen Medien wahr?

Ich versuche, mich mehr auf internationale Medien zu konzentrieren, um mich über die Geschehnisse in meinem Heimatland zu informieren – Sie sind viel objektiver. Griechische Medien (TV, Zeitungen und Online) sind meistens korrupt. Die Mainstream-Medien sind gegen die Regierung und ihre Entscheidungen und sie promoten relevante Meinungen dazu, während die kleineren Medien (hauptsächlich Online-Medien oder öffentlich-rechtliche Fernsehsender) die Regierung bedingungslos unterstützen. Ich persönlich glaube, dass es zwei Seiten der Medaille gibt. Wenn man ein klares Bild davon haben will, was los ist, muss man beide Arten von Medien und auch die internationale Berichterstattung verfolgen. Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber mir war nie bewusst, was in Griechenland los ist. In der letzten Woche habe ich aber so viel gelesen und mir endlich eine eigene Meinung dazu gebildet, ohne Vorurteile und ohne dass jemand versucht hätte, mich zu überzeugen.

Welche Medien lesen Sie persönlich?

Soweit ich kann, vermeide ich griechische Medien. Ich informiere mich hauptsächlich über die Online-Versionen von CNN, der BBC, The Guardian und Al Jazeera.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der öffentlichen Diskussion der Krise in Griechenland?

Auf diese Frage will ich besonders gern antworten, denn das ist momentan Griechenlands Hauptproblem. Das Land ist geradezu zerrissen zwischen zwei Lagern: Der JA-Gruppe (denen, die beim Referendum am Sonntag Ja gestimmt haben und in der EU bleiben wollen) und der NEIN-Gruppe. Auf Facebook herrscht Chaos und ich ziehe ernsthaft in Betracht, mein Konto für eine Weile zu schließen, weil ich meinen Newsfeed nicht mehr ertrage. Beide Seiten sind im Ton sehr barsch, geradezu fanatisch und teilweise sehr persönliche Attacken sind an der Tagesordnung. Wenn man sich öffentlich zu einer Meinung bekennt, wird man für diese eine Aussage verurteilt. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass Freundschaften und Familien aufgrund dieser Situation und unterschiedlicher Meinungen dazu schon zu Bruch gegangen sind. In sozialen Medien aktiv zu sein ist jetzt das Schlimmste – ganz ehrlich, es ist wie ein Krieg mit Tastaturen statt Schusswaffen.

Wie wird sich die griechische Medienlandschaft als Folge dieser Krise verändern?

Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet und kann die Zukunft nicht voraussehen. Allerdings glaube ich, dass die Situation sehr seltsam sein wird, hauptsächlich weil wir daran gewöhnt sind, soziale Medien zum “Angeben” zu nutzen. Ich frage mich, wie sich das entwickeln wird, wenn sich das schlimmste Szenario bewahrheiten sollte. Gleichzeitig aber sind die Griechen – ganz besonders junge Griechen – für ihren grenzenlosen Humor und Kreativität bekannt, also bin ich sicher, dass mit der Zeit viele Webseiten oder sogar Start-Ups entstehen werden, die entweder unterhalten oder etwas wirklich Nützliches anbieten werden. Die Dinge werden sich ändern, man braucht nur Kreativität. Wer weiß, vielleicht ändern wir auch die Regeln des Modebloggens – die Antwort ist DIY.

Wie bewerten Sie das Referendumsergebnis?

Es war zu erwarten, dass “Nein” gewinnt. Ich persönlich hoffe inständig, dass unsere Regierung nun endlich für uns einstehen wird, uns in der Eurozone hält und mit den Gläubigern zur bestmöglichen Einigung kommt. Ich weiß nicht viel über Politik und will dazu auch hier keine Meinung abgeben, aber ich weiß, dass meine Generation eine bessere Zukunft verdient hat. Ich hoffe, dass auch andere Länder für uns kämpfen.

Was ist Ihr Fazit?

Ich will nur noch sagen, dass meine Generation gerade den ultimativen Albtraum erlebt. Wir haben zwar keine Kriege oder richtige Armut erlebt wie unsere Großeltern, aber die aktuelle Krise ist auf jeden Fall ein Albtraum. Meine Generation, also Menschen, die jetzt in ihren 20ern und 30ern sind, haben den Großteil ihres Lebens damit verbracht, fleißig zu lernen und zu studieren. Und wofür? Um arbeitslos zu sein? Um ewig zu leiden? Mit einem Mal waren alle unsere Träume und Hoffnungen für die Zukunft verschwunden. Völlig unabhängig von dem Ergebnis des Referendums am Sonntag sind wir alle am Boden zerstört.

Ja, Geld regiert die Welt. Aber ich glaube, dass Griechenland früher oder später wieder auf die Beine kommt. Was aber ist mit den Griechen? Ich habe meine Heimat schon zum Studieren verlassen und obwohl ich irgendwann zurückkehren will, habe ich mich in den letzten Wochen dagegen entschieden. Die meisten Menschen, die ich kenne, versuchen vergeblich, einen Job im Ausland zu finden, das war auch schon vor der letzten Krise so. Und was ist mit dem Streit darüber, wer welche Meinung vertritt? Werden wir jemals die Entscheidungen Anderer respektieren? Werden wir jemals wieder Eins sein?

Ich weiß wirklich nicht, was die Zukunft bringen wird (wenn wir denn von einer Zukunft reden können). Ich wünsche mir jemanden an der Spitze der Regierung, der die Wahrheit sagt und um meine Zukunft kämpft. Der sich entschuldigt, wenn er oder sie einen Fehler macht, und mich inspiriert. Ich will nicht jemanden, der sich über seinen oder ihren eigenen Gewinn Gedanken macht oder ständig die Vorgängerregierungen beschuldigt, ohne selbst etwas gegen die aktuelle Situation zu unternehmen. Um ehrlich zu sein, so jemand ist aber weit und breit nicht in Sicht.

Vielen Dank an Alexia Sakellariou für ihre Perspektive in diesem interessanten Gespräch. Wir wünschen ihr für ihr Blog, ihr Studium und die Zukunft alles Gute.

Vernetzen Sie sich mit Frau Sakellariou auf Twitter und Instagram.