Vor 17 Jahren wurde Hongkong zur Sonderverwaltungszone an der Südküste Chinas. Nach Ende der britischen Kolonialherrschaft wurde das Prinzip “Ein Land, zwei Systeme” vorgeschlagen und später auch umgesetzt. Dieser Ansatz sah vor, dass der Stadtstaat für mindestens 50 Jahre die damals gewonnene Autonomie behält. Im vergangenen Sommer jedoch veröffentlichten Regierungsvertreter aus Peking ein Weißbuch in dem sie die chinesische Autorität über die Region betonten. Dieses Weißbuch wurde als Bruch des Prinzips “Ein Land, zwei Systeme” aufgefasst und rief große Empörung hervor. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stehen Wahlrecht und die politische Freiheit – Pekinger Regierungsvertreter planen, Kandidaten für die für 2017 angesetzten Wahlen zum Regierungschef Hongkongs einer besonderen Prüfung durch einen Ausschuss zu unterziehen. Diese Ansage führte zu Protestrufen nach uneingeschränkter Demokratie.

Die Occupy Central-Kampagne die international für Schlagzeilen sorgte, wurde von einer Organisation mit dem Namen Occupy Central with Love and Peace gegründet, die eine Wahlreform zum Ziel hat. Dahinter steht Benny Tai, ein Jura-Professor an der Universität von Hongkong. Interessanterweise war es die wahrgenommene Passivität der Organisation, die Andere zur Tat schreiten ließ. “Die Verantwortlichen sind eben keine Aktivisten, sondern Akademiker,” merkt Jason Ng an, ein aus Hongkong stammender politischer Aktivist und Autor des Blogs As I See It. “Die Grundidee war gut, aber Fragen nach einer konkreten Umsetzung blieben unbeantwortet und so wurden die Anhänger ungeduldig. Schließlich waren es Studenten die einen fünftägigen Protest durchführten. Der am 28. September begonnene Protest, weitete sich aus, nachdem Tränengas zum Einsatz gekommen war.”

Robin Hicks, Herausgeber von Mumbrella Asia, einer Nachrichtenwebseite für die Medien- und Marketingbranche, beschrieb ebenfalls die Kommunikation von zwei Seiten, die sich im Rahmen der Proteste abspielt. “Die Angelegenheit ist dadurch komplizierter geworden, dass Occupy Central nicht die einzige treibende Kraft hinter den Protesten für Demokratie ist. Die Hauptinitiative kommt von den Protesten einer Studentenlobbygruppe, die ihre Aktionen noch vor Occupy Central begann”, sagt Hicks. “Beide haben dieselben Ziele, aber sie kommunizieren zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten unterschiedliche Botschaften. Im Grunde ist die Bewegung aber führungslos, was die präzise Einschätzung der Stimmung unter den Aktivisten erschwert. Man kann schließlich nicht alle interviewen.”

Es überrascht wenig, dass soziale Medien für die Verbreitung von Informationen und Neuigkeiten innerhalb der Kampagne essentiell geworden sind. Hongkong unterliegt nicht den in China verordneten Einschränkungen sozialer Medien. Daher halfen Facebook-Seiten und Twitter-Hashtags dabei, Aufmerksamkeit für die Protestbewegung zu gewinnen. Selbst in China, wo Beiträge der Occupy-Bewegung auf Plattformen wie Weibo und WeChat zensiert werden, besteht ein durch Kreativität getriebener Informationsfluss.

“Die Information sickert durch, da User verborgene Wege finden, beim Austausch über die Proteste Keywords zu vermeiden, die vonden chinesischen Sensoren verfolgt werden”, erklärt Hicks.

“Es stimmt, dass ich in China – wenn ich zum Beispiel eine Dienstreise nach Shanghai oder Peking antreten würde – bei meiner Ankunft am Flughafen nicht auf Nachrichten im Internet zugreifen könnte”, bemerkt Ng. “Aber in China ist das nichts Besonderes. Man ist daran gewöhnt und man nutzt ja WeChat und Weibo. Die meisten Menschen in China finden alle sozialen Kontakte im eigenen Land.”

Eine neue App erfreute sich im Laufe der Proteste schnell großer Beliebtheit. Firechat wurde im März 2014 von der Softwarefirma Open Garden lanciert und funktioniert über so genannte Mesh-Netzwerke. Mit diesem System werden individuelle Mobilgeräte zu Routern und formen so eine Internetverbindung, die beliebig erweitert werden kann. Auf diese Weise sind die User nicht von Wi-Fi-Zugängen oder Mobilfunkmasten abhängig. Zwar ist die Mobilkommunikation bisher noch nicht ausgefallen, aber viele Studenten empfehlen den Download der App als Vorbereitung auf die Möglichkeit eines solchen Ausfalls. Die eifrigen Empfehlungen zeigten Wirkung. Innerhalb von 24 Stunden hatten 100.000 Nutzer die App heruntergeladen.

Zumindest im Moment sieht Ng Firechat als ein vielversprechendes Projekt. “Vor den Protesten hatte ich nie von Firechat gehört, jetzt aber hat jeder die App auf dem Handy. Sie eignet sich sehr gut zur Verbreitung von News, kann aber auch sehr einschränkend sein. Man kann nur über Chatrooms kommunizieren, und soweit ich weiß sind keine privaten Chats möglich. Außerdem kann man Informationen nicht verifizieren, sodass man nie weiß, ob nicht die Gegner einem Chatroom beigetreten sind, um falsche Informationen zu posten.”

Da der Medienmarkt in Hongkong von Vielen als unterdrückt wahrgenommen wird, wuchs die Nachfrage nach sozialen Medien. Laut Ng werden nur zwei der 20 Zeitungen in der Region aufgrund ihrer unabhängigen Berichterstattung regelmäßig gekauft. “Wenn Sie in einen Kiosk gehen und sich die Zeitungsständer ansehen, werden Sie feststellen, dass alle Zeitungen, die nicht pro-Peking sind, nahezu ausverkauft sein werden, der Rest aber unbeachtet im Laden liegt”, behauptet er.

Hicks war schon lange vor den Protesten Zeuge von Konflikten rund um das Thema Pressefreiheit. Er erinnert sich an die kontroverse Entlassung von Ming Pao’s Chefredakteur Kevin Lau im letzten Jahr. Lau wurde durch einen malaysischen Journalisten ersetzt, der Peking gegenüber als regierungstreuer gilt. Der Vorfall führte zu Protesten, die mehr Pressefreiheit in Hongkong forderten. Einige Monate nach seiner Entlassung wurde Lau Opfer einer Messerattacke, möglicherweise ein Racheakt für seine Nachforschungen von Geschäften hoher Beamter in China.

“Man hat den Eindruck, dass sich die Selbstzensur langsam in den Zeitungen ausbreitet und Hongkong auf dem Index für Pressefreiheit, Reporters Without Borders, stetig nach unten rutscht. Mittlerweile ist es auf Platz 61 gelandet”, erläuterte er. “Die Berichterstattung zu Occupy Central war bisher sehr gemischt und gespalten. Während internationale Medien aus dem Westen sich für die Occupy-Bewegung aussprechen, streiten hier in Hongkong beide Seiten miteinander. Es gibt chinesische Zeitungen, die die Bewegung unterstützen und solche, die ihr entgegenstehen. Und dann gibt es noch Zeitungen wie die South China Morning Post, die neutraler aufgestellt sind.”

Die South China Morning Post, Hongkongs beliebteste englischsprachige Zeitung, hat, nachdem sie die Paywall für Artikel entfernte, die mit der Occupy-Bewegung zu tun haben, einen so hohen Anstieg an Besuchern auf ihrer Webseite verbucht, dass diese mehrmals abstürzte.

Aus Marketing-Sicht zeigt Occupy Central bereits Wirkung. Laut Hicks vermuten Werbe- und Marketing-Profis, dass ein Rückgang der Branche unvermeidlich sein wird, wenn die Proteste langfristig fortgeführt werden. Der Einzelhandel verzeichnete bereits einen Umsatzrückgang von ungefähr HK$2,2 Milliarden und einzelne Unternehmer vergleichen den möglichen wirtschaftlichen Schaden mit dem durch die SARS-Epidemie ausgelösten Abfall vor 10 Jahren.

David Ko von der digitalen Marketing Agentur The Daylight Partnership sagte Hicks gegenüber, dass “der größte Schaden dieses Jahr bereits angerichtet” sei. Trotzdem hält er die Hongkonger Wirtschaft ingesamt für ‘belastbar’ und bestätigt, dass bisher keine größeren Werbekampagnen als Reaktion auf die jüngsten Proteste gestoppt worden sind. Laut Ko “wird Hongkong sehr schnell zu seinem ursprünglichen Zustand zurückkehren, wenn Chefadministrator Leung zurücktritt oder Zugeständnisse gemacht werden.”

Zur Widerstandsfähigkeit der Hongkonger sagen sowohl Ng als auch Hicks, dass die höfliche und zuweilen sogar freundliche Art der Demonstranten, besonders von Studenten, besonders hervorsticht. Ng beobachtet eine besondere, sehr reife Verhaltensweise und er erklärt seine veränderte Wahrnehmung von den jungen Aktivisten, die für Demokratie auf die Straße gehen. “Vor zwei Wochen noch hätte ich gesagt, dass viele Leute – und da schließe ich mich selbst ein – Studenten in Hongkong für faul und durch Bedienstete zu Hause verwöhnt seien und den ganzen Tag nur ehrgeizlos Videospiele spielen”, reflektiert er. “Jetzt merke ich, dass sie extrem gut organisiert und sehr diszipliniert sind und strategisch handeln. Sie sind sozusagen die schlimmste Art von Feind, weil sie sich mit den Medien auskennen und gleichzeitig freundlich sind, sodass an ihnen kein Fehler zu finden ist und sie somit nicht provoziert werden können.”

Hicks sagt, dass es im Laufe der Woche schwieriger wurde, über die Bewegung zu berichten. Ein scheinbar neutraler Bericht über eine Besetzung kann in eskalierende Spannungen hineingezogen werden, da die Gegner der Proteste von den entstandenen Unannehmlichkeiten in Verkehr und Geschäften frustriert sind. Dennoch ist er beeindruckt von der Art und Weise der Demonstrationen. “Die Demonstranten selbst nahm ich als eine Gruppe wahr, die dazu entschlossen ist, auf zivilisierte und respektvolle Weise zu protestieren. Das ist sozusagen Teil ihrer Marke, oder wortwörtlich von zivilem Ungehorsam. Ich würde sagen, dass Hongkonger in der Regel sehr höflich sind, aber nie habe ich ein so hohes Niveau an Höflichkeit erlebt wie mitten im Gedränge, umgeben von 180.000 Demonstranten. Die Menschen helfen sich gegenseitig beim Durchkommen und sagen ‘Entschuldigung’ – normalerweise hört man diesen Ausdruck nicht oft im Berufsverkehr einer U-Bahn.”

Weitere Einblicke in die Erfahrungen von Journalisten in Hongkong finden Sie in unserem Interview mit dem kanadischen Journalisten Jay Oatway.

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Ehem. Geschäftsführer Cision Germany GmbH