Griechenland: “Die Meinung von Bloggern ist jetzt wichtiger als je zuvor” – Interview mit Modebloggerin Alexia Zaradouka

Griechenland: "In digitalen Medien werden traditionelle Medien stark kritisiert" - Interview mit Modebloggerin Alexia Zaradouka
Nach unseren Gesprächen mit den griechischen Blogs All You Need Is Style, Beauty Co.Co und Smells Like Fashion präsentieren wir heute unser Interview mit der griechischen Fashionbloggerin Alexia Zaradouka von Miss BlouBlou.
Frau Zaradouka führt ihren Blog Miss BlouBlou seit 2013. Das Projekt begann als Hobby, ist aber im vergangenen Jahr so beliebt geworden, dass sich die Bloggerin ihm jetzt hauptberuflich widmet und mit populären griechischen und globalen Marken zusammenarbeitet. Die neueste Version von Miss BlouBlou ist auf Griechisch und Englisch verfügbar. Frau Zaradouka studierte Public Relations und Kommunikation und arbeitete vor ihrer Zeit als Bloggerin bei griechischen Beauty- und Modemarken als PR-Managerin sowie als Autorin auf verschiedenen griechischen Webseiten. In unserem Interview erzählte sie uns, wie die Lage in Griechenland in sozialen Medien diskutiert wird und welche Auswirkungen die Krise auf mediale und kulturelle Aspekte ihres Heimatlands hatte.

Inwiefern sind Sie selbst von der aktuellen Lage in Griechenland betroffen?

Griechenland: "In digitalen Medien werden traditionelle Medien stark kritisiert" - Interview mit Modebloggerin Alexia ZaradoukaVorher war es hier schon ziemlich hart, aber jetzt scheint sich die Situation immer weiter zu verschlechtern. Natürlich müssen wir etwas dagegen tun und versuchen, die Lage zu verbessern, aber die griechischen Banken sind kurz vor der Pleite, Kapitalkontrolle ist nicht das Beste der Welt und wenn die täglichen Einschränkungen für täglich abgehobenes Geld noch strenger werden sollten, weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie eine vierköpfige Familie die täglichen Kosten decken soll. Die Situation ist recht fragil. Was mich und das Bloggen angeht, mit dem ich mein Brot verdiene, standen die Dinge dieses Jahr im Vergleich zum letzten recht gut. Nach der Verkündung des Referendumsergebnisses wurden aber viele Projekte verschoben, wie auch in allen anderen Branchen hier in Griechenland. Wir haben ein schweres Jahr hinter uns und es wäre fantastisch, einmal Ruhe zu haben, aber selbst wenn die Banken öffnen, ist die Lage so schwierig, dass es allein aus ethischen Gründen schwer fällt, sorglos die Sonne, das Meer, die Gastfreundschaft und die sommerliche Schönheit Griechenlands zu genießen.

Haben Sie seit Beginn dieser Krise etwas an Ihrem Blog geändert?

Ich blogge jetzt seit zwei Jahren. Als ich anfing, war die Krise schon da. Ich wollte nicht nur Luxus-Marken promoten, denn ich glaube dass es keinen Sinn ergibt, jemandem Dinge zum Kauf zu empfehlen, die sich derjenige nicht leisten kann. Ich bemühte mich von Anfang an um Ehrlichkeit meinen Lesern gegenüber. Auch versuche ich, in jedem Outfit-Post normal bepreiste Marken geschickt mit ein paar teureren Artikeln zu kombinieren. Zum Beispiel lohnt es sich immer, in eine Handtasche oder ein schönes Paar Schuhe zu investieren, aber es gibt keinen Grund, für ein neues Kleid ein Vermögen auszugeben. Ich glaube auch, dass ein gutes Stilgefühl und geschicktes Einkaufen ein gutes Gleichgewicht zwischen Garderobe und Geldbeutel wahren. Ein Second Hand-Kleid sieht nicht billig oder hässlich aus, wenn man dazu eine schöne Markentasche trägt. Aber auch eine teure Tasche sieht komplett unecht aus, wenn man sie mit einem übertriebenen Outfit kombiniert, das keinen Stil hat und nicht die eigene Persönlichkeit spiegelt.

Welchen Einfluss hat die aktuelle Situation auf Ihre Leserschaft und wie begegnen Sie dem?

Jede Geschichte hat zwei Seiten. Es gibt Menschen, die gerne etwas Nettes lesen, sich ablenken und Spaß haben wollen, aber es gibt auch Menschen, die heutzutage alles und jeden verurteilen, der keine Posts über Politik schreibt – nicht nur Blogger. Ich persönlich hatte bisher noch keine schlechten Erfahrungen. Ich glaube, die Leser haben Verständnis dafür, dass Bloggen ein Job ist wie jeder andere und so wie alle anderen täglich zur Arbeit müssen, so muss ich auch regelmäßig Content posten.

Wie nehmen Sie die Darstellung der Krise in lokalen und internationalen Medien wahr?

In habe mir in den letzten beiden Wochen oft sehr große Sorgen gemacht. Ich will über die Situation informiert sein und mich auf die objektiver wirkenden Medien konzentrieren. Aber woher will man denn wissen, ob die eine Publikation, egal ob griechisch oder aus dem Ausland, nicht davon profitiert, ganz bestimmte Informationen zu verbreiten?

Welche Medien lesen Sie persönlich?

Es ist schwierig, griechische Medien zu vermeiden. Seit der vorletzten Woche sehe ich mir den ganzen Tag Nachrichten im Fernsehen an und lese gleichzeitig online die Presse. Natürlich bevorzuge ich aber das Internet, und zwar CNN, die BBC und einige griechische Webseiten.Griechenland: "In digitalen Medien werden traditionelle Medien stark kritisiert" - Interview mit Modebloggerin Alexia Zaradouka

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der öffentlichen Diskussion der Lage in Griechenland?

Bloggen ist in Griechenland beliebt und soziale Medien haben Raum für Informationen und Dialog geschaffen. Über Social Media (besonders über Facebook) werden viele Proteste und Events organisiert, um die Leute zu motivieren. Die Meinungen aller Arten von Bloggern sind jetzt wichtiger als je zuvor und dadurch zeigen sie Teile ihrer Persönlichkeit, die vorher nicht zum Ausdruck kamen. Sie posten politische Meinungen, nehmen an Events teil und laden auf ihren eigenen sozialen Kanälen zum Dialog ein. Wir haben schon lange viele Bürger in unserem Land, die bei sozialen Themen sehr aktiv sind und sich in sozialen Medien – besonders auf Facebook und Twitter – dazu äußern. Wegen des intensiven öffentlichen Interesses an diesen Informationen generieren solche Gespräche enormes Engagement und es wird oft mit ihnen interagiert.

Wird sich die griechische Medienlandschaft als Folge dieser Krise verändern?

Sie hat sich schon verändert und wandelt sich ständig weiter. Traditionelle Medien nutzen ihre Machtposition, um bestimmte Informationen zu verbreiten, die die Leser oft in eine bestimmte Richtung lenken. All diese Kommunikationen kamen auch in sozialen Medien und allgemein in digitalen Medien an, wo man freier die eigene Meinung sagen kann. Der Content, den die traditionellen Medien produzieren, wird in digitalen Medien stark kritisiert und die Beteiligung an solchen Diskussionen ist riesig.

Wie bewerten Sie das Referendumsergebnis?

Ich glaube, dass in der Eurozone zu bleiben unter den momentanen Umständen das Beste für uns ist. Aber wir können uns nicht noch eine schlechte Einigung leisten, das würde unser Land hart treffen. Ich hoffe, dass unsere Regierung eine gute Einigung erwirken kann, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie es uns außerhalb der Eurozone ergehen würde.

Was ist Ihr Fazit?

Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Wer hätte gedacht, dass im Jahr 2015 Freundschaften durch ein “Ja” oder ein “Nein” zu Bruch gehen könnten? Das Referendum hat uns gezeigt, dass es nicht nur um “Griechenland gegen den Rest der Welt” geht, sondern dass auch die Griechen untereinander gute Umgangsformen aufgegeben haben. Das ist eigentlich sehr seltsam, denn wir leben in einem Land, in dem die Menschen emotional und finanziell stark von ihren Familien abhängen (selbst Menschen über Vierzig und auch schon vor der Finanzkrise). Gleichzeitig glaubt jede der Seiten “Ja” und “Nein”, dass sie mit der anderen nichts gemeinsam hat. Sie haben aber doch etwas gemeinsam: Sie haben keine Manieren und sind schlecht informiert.
Selbst jetzt, nachdem das alles passiert ist, haben wir noch nicht gemerkt, dass “Ja” und “Nein” beide gerechtfertigt sein können, wenn man weiß, warum man die eine oder andere Position vertritt. Wir haben nicht verstanden, worum es geht. Es ist nicht nur eine Finanzkrise. Es ist auch eine interne und eine persönliche Krise für uns alle. Wir können etwas daraus lernen. Ich hoffe, dass wir diese Gelegenheit nicht vergeuden.
Herzlichen Dank an Alexia Zaradouka für das interessante Gespräch und für die Zukunft alles Gute!
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