Am 1. Juli 1997 wurde die britische Flagge über dem Regierungssitz in Hongkong eingeholt und dem abreisenden Gouverneur Chris Patten übergeben. Dieser Akt symbolisierte das Ende der 150-jährigen Kolonialherrschaft Englands. Der Kanadier Jay Oatway zog nach Hongkong, um die Übergabe aus der Sicht eines Journalisten zu begleiten, und ist mittlerweile eine feste Größe im souveränen Stadtstaat. So ist Oatway heute ein führender Social Media- und Digital Marketing-Spezialist im gesamten Asien-Pazifik Raum und Autor des Buches “Marketing Story, Community and Influence: How to use Social Media to become a Socialeader. Des Weiteren ist er der Gründer von HKSocial, Hongkongs erster Society of Social Business Best Practices, die mittlerweile Teil der Digital and Direct Marketing Association of Asia ist.

Das Marketing Magazine nannte Oatway „Hongkongs Antwort auf den Twitter-Adel“ und Forbes Magazine zählte ihn in den Jahren 2012 und 2013 zu den Top 50 Social Media Power Influencern. Seine Onlinepräsenz umfasst mittlerweile mehr als 100.000 Follower auf  Twitter, 30.000 Follower auf Pinterest und Tausende mehr auf FacebookGoogle+ und LinkedIn. Diese beeindruckende Präsenz zeichnet Oatway nicht nur als Power Influencer aus, sondern macht ihn auch zu einem objektiven Analytiker der Entwicklung sozialer Medien und genau dazu hat Cision ihn befragt:

Wäre die Übergabe Hongkongs im Zeitalter sozialer Medien anders verlaufen?

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich mit meiner Kamera und einem Teleobjektiv auf einen Baum geklettert bin, um ein gutes Bild vom damaligen Gouverneur Patten und seiner Familie zu bekommen. Der Gouverneur und seine Familie bestiegen gerade die königliche Yacht Britannia, um Hongkong damit zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt fühlte es sich so an, als ob die Menschen in Hongkong froh waren, ihn endlich loszuwerden. Zumindest behaupteten das die Mainstream-Medien. Aber spulen wir vor zum Beginn dieses Jahres, als Patten für eine Geschäftsreise nach Hongkong zurückkehrte. Patten wurde von einer großen Menschenmenge erwartet, die Schilder mit der Aufschrift „Komm zurück“ oder „Rette Hongkong“ hochhielten. So einen massiven Wandel in der öffentlichen Meinung in Bezug auf die alte Kolonialmacht hätte ich mir 1997 wirklich nicht vorstellen können. Die derzeitige Situation in Hongkong ist nicht so schlimm, aber jeder hat nun mal seine eigene Meinung darüber, was die Regierung tun sollte und was nicht. Nichtsdestotrotz: Der Grund warum ich von diesen überraschenden Schildern weiß, und der Grund warum die Menschen genau wussten, wo sie Patten abfangen konnten, waren soziale Medien. Die Chancen, persönliche Meinungen öffentlich zu teilen, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und aktiv zu werden, sind heutzutage viel größer als man es sich 1997 überhaupt vorstellen konnte. Was wohl in der Nacht der Übergabe passiert wäre, hätten wir zu diesem Zeitpunkt schon alle Smartphones mit Social Apps in unseren Taschen gehabt? Nun, ich bin mir nicht sicher. Ich hätte wahrscheinlich stur auf mein Smartphone gestarrt, statt Bäume hochzuklettern. Trotz meiner Liebe zur Technologie bin ich irgendwie froh, dass wir damals keine sozialen Medien und Smartphones hatten.

Sie sind bereits seit 2007 bei Twitter – was hat Sie damals bewegt, mit dem Tweeten zu beginnen?

Nun, damals war ich ja bereits bei MySpace und Facebook, aber Twitter war irgendwie etwas Anderes. Twitter war kurz, schnell, am Puls der Zeit und bot eine gute Plattform, das eigene Netzwerk wesentlich zu erweitern. Das war die gute alte Zeit, als Twitter-Nutzer noch so rar waren, dass wir Tweetups organisierten, nur um die wenigen Menschen, die unsere Liebe zu Twitter aber auch unseren Hass auf den Fehlschlag-Wal [Anmerkung der Redaktion: ein Fehlschlag-Wal – oder Fail Whale – kennzeichnet einen Twitter-Absturz] teilten, auch einmal im richtigen Leben zu treffen. Ich war mal auf einem Tweetup, bei dem jemand eine „Fail Whale“-Torte mitbrachte. Es fällt mir leicht, bei solchen Erinnerungen nostalgisch zu werden. Heutzutage fühlt sich Twitter nicht mehr so an.

In einer Episode Ihrer „Social Currents“-Videoserie diskutieren Sie, warum man in sozialen Medien authentisch bleiben sollte – Wie geht das hinter der “Great Firewall of China”?

Das Problem beschränkt sich nicht auf China – Authentizität in sozialen Medien ist mittlerweile ein globales Thema. In China sind sich die Menschen der Tatsache bewusst, dass sie ausspioniert werden und haben sich dem auch mittlerweile angepasst und tarnen sich auch wenn nötig. Und nach den Snowden-Enthüllungen entdeckt plötzlich auch der Rest der Welt, dass wir grundsätzlich in derselben Realität wie Chinesen leben. Wir alle werden beobachtet. Und das gefällt uns gar nicht. Daher auch die plötzliche Populärität sozialer Apps und Netzwerke wie Whisper oder Secret, die uns Anonymität versprechen. Wir finden Freiheit in unserer Anonymität. Es ist auch befreiend, einmal aus unseren sorgfältig konstruierten Identitäten auszubrechen. Aber dies ist auch der Ort, an dem Menschen ihre schlimmsten Seiten zeigen. Kein Unternehmen wird sich jemals in einer anonymen Community registrieren, denn dort würden diese reinen Online-Hass erfahren. Wir brauchen also zwei Welten: eine öffentliche und eine geheime. Und wir müssen lernen, uns sicher zwischen diesen beiden Welten hin und her zu bewegen. Und als Anmerkung zur Great Firewall of China: Die ist einfach mithilfe von VPN-Dienstleistungen zu umgehen und wie das geht wissen Viele in China. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass es mittlerweile genau so viele aktive Facebook-Nutzer in China gibt wie in den USA, obwohl es natürlich sehr schwer ist, an genaue Zahlen zu kommen. Ich habe Schätzungen von 600.000 bis 200 Millionen gesehen. Dies macht China zu einem bedeutenden Markt für Facebook, auch wenn Facebook dort offiziell verboten ist.

In der westlichen Welt ist Weibo nicht sehr bekannt – wie funktioniert diese Plattform und welche Bedeutung hat sie für das Marketing?

Sina Weibo begann in Hongkong als direkter Konkurrent zu Twitter, und zwar so sehr, dass es keinen lokalen Schauspieler und Popsänger zu Twitter zog. Stattdessen registrierten sich alle bei Weibo, was natürlich Sinn macht, da die meisten ihrer Fans in China sind. Seitdem hat sich Weibo zu etwas viel Komplexerem als Twitter oder sogar Facebook entwickelt. Man könnte Weibo als eierlegende Wollmilchsau bezeichnen, als Monstrosität, die vieles unter einem Dach vereint: Social, E-Commerce, Dating und News. Aus Marketing-Sicht ist das größte Problem in Bezug auf Weibo – oder jedes andere soziale Medium aus China – dass es sehr schwer ist, realistische Daten zu finden, die das Engagement von wirklichen Menschen auf diesen Plattformen beschreiben. Alle Daten scheinen irgendwie gefälscht oder beschönigt zu sein. Die Verbreitung sogenannter „Zombie-Accounts“ (Fake Accounts, die von Software betrieben werden) ist sicherlich ein ernsthaftes Problem. Außerhalb Chinas ist Facebook im gesamten asiatischen und pazifischen Raum sehr populär und erleichtert Unternehmen die Durchführung von Content Marketing-Aktivitäten sehr.

Hongkong ist voll von Fans sozialer Netzwerke – Wie haben Sie und Ihre Mitbegründer es geschafft, diese in HKSocial zusammenzuführen?

Mundpropaganda ist alles. Wir erstellten einen Account bei Meetup und fingen an, uns regelmäßig zu treffen. Die Leute kamen zu uns, wir lernten uns kennen und sie erzählten es dann ihren Freunden. HKSocial ist schon lange nicht mehr das, was es in den ersten drei Jahren war. Die ursprünglichen Gründer sind nun zum größten Teil getrennte Wege gegangen. Nun versammeln wir uns vierteljährig (anstatt monatlich) als Teil der Digital + Direct Marketing Association, welcher ich als Vorstandsmitglied angehöre. Wir haben noch ein letztes Treffen als HKSocial im Juni, danach werden wir [d+d] Social heißen. Mir geht es ähnlich wie meinen Mitgründern, denn wir haben einfach nicht mehr so viel Zeit wie früher. Die Nachfrage nach meinen Vorträgen ist nach wie vor groß, aber jetzt biete ich sie nicht mehr so oft kostenlos an. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass „social“ heute Teil einer größeren Diskussion um Medien und Marketing und kein separates Themenfeld mehr ist.

Was können Sie uns sonst noch über soziale Medien sagen, entweder in Hongkong, Asien oder im Westen?

Es geht nicht um Medien. Es geht um das Soziale. Menschen sind Menschen. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. Aber was die Menschen verbindet, ist größer als das, was uns unterscheidet und uns auseinander bringt. Jeder knüpft Beziehungen auf dieselbe Art und Weise. Jeder teilt wichtige Nachrichten aus denselben Beweggründen mit Anderen. Jeder möchte spüren, dass er Teil einer Gemeinschaft ist – oder zumindest, dass er nicht alleine ist. Das alles geben uns die sozialen Medien.

Wir bedanken uns herzlich bei Jay Oatway für das interessante Gespräch!

Verbinden Sie sich mit Jay Oatway auf TwitterFacebookGoogle+Pinterest und auf seiner Webseite www.jayoatway.com.

About Falk Rehkopf

Ehem. Geschäftsführer Cision Germany GmbH