Sind Frauen im Wissenschaftsjournalismus eine Kuriosität?

Sind Frauen im Wissenschaftsjournalismus eine Kuriosität?

Ist das journalistische Berichten von Themen rund um Wissenschaft und Technologie eher etwas für Männer? Dies sollte sicherlich nicht der Fall sein und möglicherweise ist dem auch nicht so – aber als sich eine bekannte Facebookseiten-Kuratorin – Elise Andrew – mit einem persönlichem Foto bei Twitter anmeldete, waren einige ihrer Fans doch erst erstaunt und dann angenehm überrascht, dass eine Frau hinter den Posts steckte. Vielleicht dachten die 5.4 Millionen Facebook-Fans, dass ihr etwas vulgärer Facebook-Seitenname – I fucking love science – nicht besonders Lady-like sei und daher einen Mann hinter den sorgfältig kuratierten und durchdachten Science-Posts vermuteten. Oder ist doch was dran an der stereotypischen Verteilung von Themen, die Journalisten und Social Media Influencer abdecken?

I fucking love Science

Wir haben uns mit einigen Wissenschaftsjournalistinnen über diese Frage unterhalten und diese haben uns ihre Sicht der Dinge geschildert, aber auch einen Einblick in persönliche Erfahrungen zum Thema gegeben:

Die Wissenschaftsredakteurin (Associate Editor) des Business Insider – Frau Dina Spector –  hatte keinen ausgeprägten wissenschaftlichen Hintergrund, als sie anfing für die Seite zu arbeiten. Zuerst schrieb sie über Themen von allgemeinen Interesse wie Lifestyle und Technik. Das Ziel war aber, eine Nische zu definieren und zu besetzen und so begann sie, mehr und mehr über wissenschaftliche Themen – insbesondere über das Weltall – zu berichten. Das Interesse der Leser führte dann im Juli 2012 zum Launch der Wissenschaftsrubrik auf der Seite, wo alle Wissenschaftsartikel gesammelt zugänglich sind. Und Frau Spector wurde als die erste Wissenschaftsjournalistin des Magazins eingestellt.

“Wenn ich erwähne, dass ich über wissenschaftliche Themen schreibe, dann scheinen einige Leute doch überrascht zu sein. Mir ist nicht klar, ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin oder eben nicht den typischen Eindruck eines Menschen erzeuge, der sich tagein und tagaus mit Wissenschaftsthemen auseinandersetzt,“ schmunzelt sie. „Ich bin ziemlich neu im Geschäft… aber ich hoffe, dass niemand meine Artikel weniger schätzt, nur weil ich eine Frau bin. Wenn jemand über mich urteilen will, dann sollte man bitte meine Fähigkeiten zur Abfassung von Texten oder meine Erfahrung kommentieren,“ sagte Frau Spector.

Frau Jennifer “Jef” Akst ist Chefredakteurin beim The Scientist. Sie erzählt, dass sie selbst keinerlei Erfahrungen mit Diskriminierung gesammelt habe und findet sogar, dass Wissenschaftsjournalismus ein von Frauen dominierter Bereich ist. Laut der National Science Foundation stimmt das auch: die im Fachbereich Biologie erworbenen Doktortitel, werden heutzutage vermehrt an Frauen ausgegeben  – im Jahre 2010 waren 53% aller Doktoranden weiblich. Dies entspricht einem Anstieg von fast 20% im Vergleich zum Abschlussjahr 1991.

Die Wissenschaftsjournalistin und -kolumnistin Frau Maggie Koerth-Baker schreibt für The New York Times Magazine. Sie stimmt zu, dass es kein „Stigma“ unter Kollegen oder unter anderen Redakteuren gibt. Es sind eher die Leser, von denen in Teilen sexistisches oder erniedrigendes Feedback bekommt.

“Ab und zu höre ich einen Kommentar wie “Oh, dein Mann muss sich ja sehr glücklich schätzen” oder so etwas.“ sagt Frau Koerth-Baker. „Oder meine Arbeit wird von oben herab kommentiert. Schlimmeres habe ich aber bis jetzt noch nicht erlebt.“

Frau Sharon Begley – Senior Gesundheits- und Wissenschaftsjournalistin bei Reuters –  witzelte kürzlich, dass sie bereits im Mesozoikums [Erdzeitalter vor rund 250 Millionen Jahren] bei Newsweek als Wissenschaftsforscherin anfing zu arbeiten. Die Art von Diskrimierung, der sie damals ausgesetzt war, drehte sich eher um ihr Alter. „Da ich die erste weibliche wissenschaftliche Redakteurin und Kolumnistin bei der Newsweek sowie die erste weibliche Wissenschaftsjournalistin beim Wall Street Journal war, fällt es mir schwer, von Diskriminierung zu reden,“ sagte sie.

Es scheint, dass die Vorurteile eher in der Gesellschaft an sich verankert sind und weniger unter denen, die im Wissenschaftsjournalismus arbeiten.

Mal abgesehen von kulturell bedingten Faktoren ist es ohnehin schwierig, wissenschaftliche Inhalte abzudecken, da die meisten Themen aufgrund ihrer komplexen Natur eine sorgfältige Recherche und tiefergehende Berichterstattung erfordern.

„Ich liebe das breite Spektrum an wissenschaftlichen Themen – vom Weltall bis hin zur Klimaveränderung und Gesundheit,“ sagte Frau Spector. „Es kann einen schon überwältigen, wenn man denkt, ein Mini-Experte in all diesen verschiedenen Themen sein zu müssen. Es ist wirklich schwierig, gleichzeitig ein Astrophysiker, ein Geologe, ein Biologe, ein Chemiker, ein Archäologe usw. zu sein. Ich selbst vertraue auf die Unterstützung der richtigen Experten und so lerne ich jeden Tag etwas Neues“.

Akst findet, dass gerade die Experten in der Regel sehr hilfreich sind, gerade wenn es um die Recherche und die Definition der Story geht. „In ein komplett neues Thema einzusteigen ist oftmals sehr schwierig – aber ich finde, dass gerade Wissenschaftler sehr aufgeschlossen sind, mit mir über die Themen zu sprechen und bereit sind mir zu helfen,“ sagte sie.

Für Koerth-Baker und andere in ihrem Bereich ist es manchmal schwierig zu wissen wo man anfängt. „Das Thema ist interessant, aber man ist sich gerade anfänglich nicht wirklich sicher, wie man die Story aufbaut, da unheimlich viele Informationen zu verarbeiten sind und so viele Leute an dem Thema arbeiten. Da ist es wirklich schwer, den ersten Schritt zu gehen,“ sagte sie.

Ein Problem stellt für Begley der Umgang mit Redakteuren dar, die von Wissenschaftsthemen keine Ahnung haben, genießt es aber, wichtige Themen für eine interessierte Leserschaft zu „entwirren“.

Neben diesen Herausforderungen, machen viele dieser Frauen aber auch sehr positive Erfahrungen aufgrund ihrer Leidenschaft für wissenschaftliche Themen.

Getrieben von ihrer Faszination für Ärchaologie und Neurologie, entschied Frau Koerth-Baker nach ihrer journalistischen Ausbildung sich auf den Wissenschaftsbereich zu konzentrieren. „Wissenschaftliche Themen abzudecken, erlaubt mir mehr über meine Welt zu lernen, was in ihr passiert und wie die Dinge funktionieren,“ erzählt sie. „Ich fühle mich ein bisschen als dürfte ich „spielen“ und werde auch noch dafür bezahlt. Das ist wirklich das Größte für mich.“

Im Jahre 2009 trat Frau Jennifer Akst dem The Scientist als Praktikant bei, nach ihrem Uni-Abschluss als Masters in Biologie an der Indiana University. Mit der Zeit hat sie sich zur  leitenden Redakteurin entwickelt. „Ich liebe es einfach, zu lernen – und als Journalistin diese Themen abzudecken, erlaubt mir einfach konstant zu lernen – wesentlich mehr zu lernen, als ich selbst als aktiver Forscher jemals lernen könnte…“

Frau Begley teilt diese Leidenschaft und sagt, “dass ich keinen Zweifel hatte, dass ich über diese Themen und nichts anderes berichten wollte – ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, jemals über etwas anderes zu schreiben,“ sagte sie.

Eines scheint auf jeden Fall klar zu sein: Eine eventuell vorhandene Leidenschaft für Wissenschaft hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, da wir alle unsere Neugier für das Unbekannte irgendwie befriedigen wollen. Und, Frauen waren schon immer ein Teil des Wissenschaftsjournalismus – soziale Medien machen diesen Fakt nur wesentlich sichtbarer.
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Kontaktinformation:

Frau Dina Spector ist Associate Editor, Science, beim Business Insider.

Verbinden Sie sich mit Frau Spector auf Twitter: @DinaSpector

Frau Jef Akst – Senior Redakteurin beim The Scientist

Frau Sharon Begley ist Senior Gesundheits- und Wissenschaftskorrespondentin bei Reuters.

Verbinden Sie sich mit Frau Begley auf Twitter: @sxbegle

Frau Maggie Koerth-Baker ist Wissenschaftsredakteurin bei Boing Boing und Wissenschaftkolumnistin beim The New York Times Magazine.

Verbinden Sie sich mit Frau Begley auf Twitter: @maggiekb1