Die Umsätze von Zeitungen schrumpfen und online Nachrichtenseiten sind kaum in der Lage, die entstandene Lücke zu den einst lukrativen Verkaufs- & Werbeumsätzen zu schliessen. Oftmals gehören Satelliten- und Auslandsbüros zu den ersten Opfern in den folgenden Personalabbaurunden.

Natürlich sind Weltnachrichten immer noch von Newswires wie Reuters, der Associated Press oder über deren Partner erhältlich. Aber es bleiben immer weniger Stimmen zurück — eine wesentlich reduzierte Zahl von sich unterscheidenden Meinungen findet sich in der Hand einiger, grosser Medienunternehmen. Solch eine Konzentration innerhalb der Medien ist nicht neu; aber diese bestehende Abhängigkeit von einigen Nachrichtengiganten und deren einseitigen Ansatz in der Berichterstattung erscheint zunehmend überholt. Auf der anderen Seite wächst die Zahl unabhängiger Infoquellen kontinuierlich und heute kann praktisch jeder mit seinem Mobiltelefon Aktuelles berichten. Eine neue Generation von Nachrichtenseiten, zum Beispiel Vocativ, stellt sich diesem Wandel.

Vocativ, ein Start-up mit Sitz in New York, versucht ein umfassendes Bild von Breaking News zu präsentieren. Als wesentliche Nachrichtenquellen benutzt Vocativ soziale Medien mit einem regionalen Fokus, Inhalte von Dritten und ein Netzwerk von lokalen Mitarbeitern. Dieser Anzatz erlaubt Vocativ ein nutzerspezifisches, nachrichtenbezogenes Meinungs- und Perspektivenmosaik bereitzustellen und das gesamte Spektrum von Stories mit der Technik des Crowdsourcing zu recherchieren ohne auf Vollzeit-Korrespondenten – die von weit entfernten und teuren News Desks aus arbeiten – zurückgreifen zu müssen.

Ein Blick auf die Liste der freien Stellen, die man versucht bei Vocativ zu besetzen, verdeutlicht diesen Ansatz. Anstatt auf Bewerbungen traditioneller Reporter und Journalisten zu setzen, ist die Mehrzahl der Jobs auf Social Media Community Manager zugeschnitten. Vocativ sucht Experten mit direktem Zugang zu regionalen Social Media Communities. Gleichzeitig müssen diese Community Manager in der Lage sein, Bürgerjournalisten in der jeweiligen Region zu mobilisieren. Letztendlich sind diese aber auch für die Berichterstattung der News verantwortlich, da sie die Fragmente dieses Bürgerjournalismus in einen kohärenten Erzählrahmen mit verschiedenen Perspektiven einbinden.

Vocativ Webseite - Screen Shot

Vocativ, offiziell noch nicht gestarted, ist nicht das erste Experiment das mit diesem Format spielt. Global Voices, eine unabhängige Non-Proft-Organisation gegründet vom Berkman Center for Internet and Society und der ehemaligen CNN Journalistin Rebecca MacKinnon im Jahr 2004, konzentriert sich auf Themen von denen nur am Rande berichtet worden ist. Global Voices benutzt in der Berichterstattung eine Mischung aus Content von Blogs, exzerpierte redaktionelle Inhalte von Dritten und bindet auch Content von und Reaktionen auf anderen Social Media mit in die Bericherstattung ein. Global Voices, im Gegensatz zum ein Jahr später gegründeten Twitter und noch vor dem meteoritenhaften Aufstieg von Facebook, aggregiert und arbeitet mit Inhalten erst nachdem das jeweilige Ereignis abgeschlossen ist. So können sich die Ereignisse entwickeln und erst im Nachhinein ‘handverliest’ Global Voices verschiedene Quellen für eine zusammenfassende Darstellung der Geschehnisse.

Vocativs Ansatz scheint in die heutige Kultur der echtzeitigen Information zu passen. Das Unternehmen hat Tools entwickelt um direkt und in Echtzeit von Geschehnissen zu berichten und so Lesern eine ungefilterte Berichterstattung von Nachrichten zu ermöglichen. Zudem arbeitet Vocativ mit Analytics um die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit von Quellen zu bestimmen.

Es ist zu früh zu beurteilen, ob diese Kombination einer neuen Technologie und neuen Ansatzes funktionieren wird und in der Folge die Nachrichtenerfassung nachhaltig beeinflussen wird. Es scheint aber einige hochprofilige Unterstützer zu geben: Im April hat Vocativ Herrn Scott Cohen als Chefredakteur eingestellt – ehemals Digital Editor bei der New York Daily News – sowie Frau Versha Sharma als Redakteurin. Frau Sharma schrieb für msnbc.com und war Associate Publisher bei Talking Points Memo.

Seitdem sich das Bloggen vor ungefähr 10 Jahren anfing zu etablieren, wurde wiederholt kommentiert dass ‘jetzt jeder ein Journalist sei‘. Vocativ wird professionellen und investigativen Journalismus sicherlich nicht ersetzen, aber der Ansatz die traditionelle Berichterstattung mit einem Patchwork von Bürgerstimmen zu ergänzen ist sicherlich vielversprechend.

Sie finden Vocativ auch auf Twitter, auf Facebook und hier ist Unternehmensblog.

About Falk Rehkopf

Ehem. Geschäftsführer Cision Germany GmbH