Gibt es etwas, das Paul Staines nervös macht? Politische Schwergewichte sicherlich nicht, ebenso wenig Skandale in Westminster oder jemanden ins Gefängnis zu schicken. Genau das hat seine Seite Guido Fawkes zum populärsten politischen Blog in Großbritannien gemacht. Das kürzlich eingeführte Redesign der Site war dann aber auch für Staines eine nervenaufreibende Entscheidung. “Das Format hat über 10 Jahre wirklich gut funktioniert und viele Leute, die ich respektiere, empfahlen, nichts zu verändern.” Wir haben uns mit Herrn Staines über den Erfolg und das Redesign von Guido Fawkes unterhalten, was diese Veränderungen für PR-Profis bedeuten und wie Marketer sich in die bevorstehenden Parlamentswahlen in Großbritannien einbringen sollten. 

Der Guido Fawkes-Blog ist sehr erfolgreich – warum haben Sie die Bezeichnung “Blog” entfernt?

Die Site ist ja heute mit fünf Mitwirkenden ein wesentlich größeres Unternehmen. Ich will unsere Blog-Vergangenheit nicht verleumden, aber jetzt sind wir doch eher eine Nachrichtenseite, deshalb haben wir das Wort “Blog” aus dem Impressum entfernt. Wir nutzen weiterhin ein Blogformat – chronologisch sortierte Storys werden oben angezeigt -, aber da wir nun vier verschiedene Kanäle haben, ist es eher eine Multiblog-Website, wenn man so will. Wir beschäftigen uns noch hauptsächlich mit Politik, binden aber auch immer wieder andere Themen wie zum Beispiel Technologie & Politik, Medien & Politik oder auch Umwelt & Energie mit ein. Das ist schon ein breiteres Angebot als bis jetzt. Da einige Leser sich nicht für Technologie interessieren und andere nicht für Medienstorys, haben wir sie voneinander getrennt, um die Lesererfahrung zu verbessern. Andererseits beschweren sich jetzt einige Leser, dass sie nicht wissen, wann es Updates gibt, weil sie nun auf allen unterschiedlichen Kanälen nachsehen müssen…man kann es eben nicht allen recht machen.

Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen einer Nachrichtenseite und einem Blog?

Es gibt ja mittlerweile viele verschiedene hochprofessionelle Blogs. Hier bei Guido Fawkes schreiben drei Autoren auch für Zeitungen, darunter The Sun, The Times und The Spectator, also bleibt der Schwerpunkt beim Content derselbe, auch wenn wir unterschiedliche Stile haben. Ich glaube, dass es heute keinen Unterschied mehr zwischen professionellen Bloggern und Journalisten gibt – gleiches gilt für Nachrichtenseiten und Blogs.

Im Guardian sagen Sie, das Redesign mache Sie “nervös”. Warum?

Weil das Format 10 Jahre lang so gut funktioniert hat und viele Menschen – von denen ich viele respektiere – sagten, ich solle nichts daran ändern. Mir wurde von Social Media-Experten und Web-Designern viele verschiedene Dinge geraten, aber ich will mich nicht von einem Format verabschieden, das funktioniert – die Aktualität der Top-Storys, die Schlichtheit des vertikal chronologischen Formats. Die zwei größten Veränderungen sind also der mittlere Balken, ähnlich wie die “Sidebar of shame” beim Daily Mail, das praktisch aus Bildern und Links zu anderen Storys auf der Site und anderswo im Netz besteht. Zweitens haben wir uns in verschiedene Kanäle aufgeteilt, die alle wie Mini-Blogs innerhalb einer vertikalen Darstellung funktionieren. Was ich nicht wollte, war eine verwirrende, überladene Webseite wo die Leute sich nicht zurechtfinden. Hoffentlich haben wir gut den Bogen gespannt zwischen einer magazinähnlichen Webseite und einem Blog. Einigen Lesern wird das natürlich nicht gefallen; für mich ist die Sache ein Erfolg, wenn sie in einem Jahr vergessen haben, wie das alte Format aussah.

Haben Sie das Redesign bewusst in die Zeit um die kommenden Parlamentswahlen gelegt? 

Wir sind tatsächlich ein Jahr hinter dem Zeitplan geblieben. Aber das Redesign hat so lange gedauert, weil der Webdesigner erst einmal herausfinden musste, was wir eigentlich machen wollten und weil mich die Änderung einfach ein wenig nervös machte. Wenn man ein erfolgreiches Modell hat, will man daran nicht zu viel ändern. Als die Rezeptur für die “Neue Coca-Cola” geändert wurde, war das eine Katastrophe. Und mir machte es große Sorgen, dass so etwas auch mit unserem Blog passieren könnte.

Als Teil des Redesigns führten Sie einen neues Schwerpunktthema Umwelt & Energie ein. Wie passt das zum Hauptthema Politik? 

Zunächst einmal ist bei dieser Parlamentswahl zum ersten Mal auch die Green Party von Bedeutung, das ist ein Grund. Zweitens besteht großes Interesse an der Energie- und Umweltthematik – das bringt eine Menge Traffic – und der Klimawandel ist auch weiterhin ein heiß diskutiertes Thema. Außerdem scheinen alle Umweltreports von einer linken Perspektive oder aus der politischen Mitte heraus besprochen zu werden und ich glaube, es braucht einen gemäßigten bis rechten Ansatz, den wir liefern werden. Wir werden über die Thematik berichten und uns an realitätsnahe Berichterstattung halten, aber wir werden auch einigen der eher skurrilen Aussagen der grünen Lobby kritisch gegenüberstehen.

Über Ihren Blog wurde schon einmal gesagt, dass er “Politiker auf Zack hält”. Wird sich dieser Ansatz durch die neue Ausrichtung ändern?

Nun, offensichtlich ist die Site über diese Absicht hinausgewachsen. Jetzt bringen wir Journalisten auf Zack. Fast jeder Redakteur einer landesweiten Zeitung folgt auf Twitter dem @MediaGuido-Feed über Tageszeitungen. Auch wenn die Zielgruppe für Medienstorys kleiner ist als die für politische Nachrichten, ist sie doch sehr einflussreich und wichtig.

MediaGuide-Feed

Wird sich Ihre Zusammenarbeit mit PR-Profis ändern?

Tatsächlich fände ich es gut, wenn PR-Profis im Bereich Technologie uns bei Techno Guido helfen, denn natürlich wissen sie über Produktlancierungen Bescheid und wollen selbst Nachrichten verbreiten. Wir sind viel offener für PRs aus dem Technologie-Bereich, als wir es je für Pressesprecher von politischen Parteien waren. Bei den Technologie-PR-Profis ist die Perspektive positiver, weil sie uns von Produkten und Diensten erzählen und wir sie in die Finger kriegen müssen. Ich verspreche auch, dass wir sachlicher und ein bisschen weniger aggressiv sein werden als bei politischen Kommunikatoren.

Wie können PR-Profis Sie am besten erreichen?

Technologieinteressierte PR-Profis schicken mir am besten eine E-mail an team@orderorder.com.

Liegt die Zukunft der PR in den sozialen Medien?

Ich glaube, dass von Unternehmen betriebene Twitter-Accounts, die sich mit Humor präsentieren, ganz gut sind. Unternehmen wie der Buchmacher Paddy Power oder auch die Supermarktkette Tesco und einige andere größere Organisationen stehen ziemlich hart in der Kritik, beweisen aber Sinn für Humor und können dadurch überzeugen. Für Bahnunternehmen oder Fluggesellschaften ist es sehr schwer, durch Verspätungen verärgerte Kunden zu beruhigen – da kann man ja auch nicht viel mehr machen, als auf die Beschwerden direkt einzugehen. Ich benutze meinen persönlichen Twitter-Account, um mich über Schwierigkeiten beim Kundendienst zu beschweren. Manchmal benutze ich dazu aber auch meinen @GuidoFawkes-Account – Bei über 150.000 Followern überrascht es wohl niemanden, dass Missstände dann sehr schnell behoben werden. Als einmal mein Computer nicht funktionierte und ich mich beschwerte, reagierte Microsoft sehr schnell und ich erhielt einen Ersatzcomputer und einen Anruf vom technischen Kundendienst – einer der Vorteile, wenn man 150.000 Follower hat.

Was ändert sich an der Berichterstattung zu den Parlamentswahlen dieses Jahr? Welche Rolle spielen dabei soziale Medien? 

Seit 2005 höre ich immer wieder, dieses Jahr werde die Internetwahl, also bin ich über die Rolle von sozialen Medien etwas skeptisch. Ich persönlich glaube, dass das Fernsehen weiterhin das wichtigste Medium ist, wenn es um die Wahlen geht – da besteht für mich kein Zweifel. Durch Twitter ändert keiner seine Meinung – die Menschen auf Twitter haben sich entweder schon entschieden oder sie haben gar kein Interesse. Auf Twitter sind die Leute wahrscheinlich eher an TV-Serien wie Coronation Street als an Politik interessiert.

Allerdings sind Journalisten ständig auf Twitter und durch Twitter haben sie eine Chance, die Story des Tages mitzugestalten. Emily Thornberry zum Beispiel war eine Politikerin, die aufgrund eines Tweets zurücktreten musste. Es spielte sich alles auf Twitter ab – die Journalisten bekamen das mit und von da ging es dann weiter. Und ich glaube, dass viele Storys zuerst auf Twitter auftauchen und sich dann über Online-Newskanäle wie unsere Website hin verbreiten. Von Online-News zieht es dann am nächsten Tag zu Radio, TV und Zeitungen weiter. In der Politik dominiert Twitter als eine Art Newswire und als Quasselbude für alle.

Sollten Marken ihre politischen Ansichten öffentlich machen?

Sollte eine Marke von politischen Entscheidungen betroffen sein, dann ist das natürlich ein Thema, über das geredet wird. Hausbau an sich ist ein wichtiges Thema und natürlich werden Bauunternehmen und Wohnungsbaugesellschaften zu dem Thema Einiges beizutragen haben. Wenn Sie als Marke eine spezifische politische Partei unterstützen, verliert man jeden, der eben diese Partei nicht unterstützt, und man geht daher ein klares Risiko ein, Unterstützer von anderen Parteien zu verlieren. Mein Schwager zum Beispiel hat einen Pub und hat sich öffentlich für einen bestimmten Bürgermeisterkandidaten ausgesprochen und die Hälfte seiner Gäste hat reagiert und gesagt, dass sie den Pub nicht mehr besuchen werden, solange die Wahl nicht abgeschlossen ist, da sie seine Meinung nicht unterstützen. Für Marken ist so eine Geschichte natürlich wesentlich komplizierter und das Risiko ungleich größer. Sie müssen wesentlich vorsichtiger sein, gleichzeitig aber auch ihre Interessen vertreten, selbst wenn es parteipolitische Risiken dabei gibt.

Welchen Ratschlag geben Sie PR-Profis, die versuchen, sich in die Berichterstattung rund um die Wahlen einzubringen?

Überlegen Sie sich genau, ob Sie wirklich relevant sind. Momentan bekomme ich E-Mails von einer Dating-Website – die mailen mir und versuchen dabei, politisch relevant zu sein – sie verschwenden ihre Zeit und meine auch. Wenn etwas an Ihrer Firma nicht politisch relevant ist, wird es Ihnen nichts bringen, sich einbringen zu wollen, und Sie werden wahrscheinlich eher die Leute verärgern.

About Falk Rehkopf

Ehem. Geschäftsführer Cision Germany GmbH