Vom Nachhaltigkeismanagement zum nachhaltigen Management

Nachhaltigkeit als Polarstern und Jahrhundert-Chance

 

Wir sprachen im Interview mit Prof. Dr. René Schmidpeter von der IU Internationale Hochschule in Erfurt darüber, wie nachhaltiges Management in der Zukunft aussieht und warum die Integration dieser Thematik bereits in der Ausbildung neuer Führungskräfte wichtig ist.

 

Was genau ist der Unterschied zwischen Nachhaltigkeits-Management und nachhaltigem Management?

Ersteres ist Aufgabe einer Abteilung, zweiteres ist Aufgabe aller und jeder Abteilung im Unternehmen. Nachhaltigkeitsmanagement versucht, den Status-quo zu reparieren und wird für Unternehmen oft als Add-on gesehen, um ein wenig nachhaltiger zu werden. Es ist jedoch wichtig, ökolgische, soziale und ethische Fragen in alle Unternehmensbereiche, vor allem auch in die Unternehmensstrategie, zu integrieren. Somit beschreibt das „Nachhaltige Management“ eine neue Qualität des Managements, ein neues Paradigma, wenn man so will.

 

Sie sind haben zm Thema „Nachhaltiges Management“ an der International University of Applied Sciences in Erfurt einen neuen Masterstudiengang eingeführt. Was treibt Sie in Bezug auf diesen Studiengang an und in welchem Zusammenhang steht es zum „Nachhaltigkeitsmanagement?

Die Möglichkeit, neue Perspektiven und Sichtweisen des Managements in einem eigenständigen Studiengang umzusetzen und so einen aktiven Beitrag für ein verändertes Mindset bei zukünftigen Fach- und Führungskräften zu leisten. Es geht darum, den gegenwärtigen Wandel für Deutschland hin zu einem nachhaltigen Wirtschaftsstandort aktiv voranzutreiben.

Es entsteht gegenwärtig ein neues Mindset im Management, welches das klassische Gegensatzdenken zwischen Profitabilität und Nachhaltigkeit überwindet. Um die gegenwärtige Transformation unserer Wirtschaft erfolgreich zu meistern, gilt es, die Gegenwart von der Zukunft her zu denken und innovative Produkte und Dienstleistungen sowie nachhaltige Geschäftsmodelle dafür zu entwickeln. Neues Denken und die Weiterentwicklung der eigenem Persönlichkeit sind dafür zentrale Qualitäten im Management. Es wird auch im Studium darum gehen, vorgefertigte Meinungen kritisch zu hinterfragen und Managemententscheidungen aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren.

 

Wie verbinden sich Nachhaltigkeit und erfolgreiche Unternehmensführung?

Mittlerweile zeigen Studien eindeutig, dass nachhaltige Unternehmen erfolgreicher sind als andere. Der risikoadjustierte Return ist höher, die Arbeitgeberattraktivität ist grösser und auch die Kundenbindung ist stärker. Zudem wird Nachhaltigkeit mittlerweile als Treiber von Innovation gesehen. Somit ist klar: die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen steht und fällt mit der Fähigkeit, dieses nachhaltig zu managen.

 

Können Sie Ihre Best of-Tipps für ein nachhaltiges Wirtschaften in Unternehmen nennen?

1.   Integration von Nachhaltigkeitsthemen mittels Non-Financial KPIs ins Controlling.

2.   Integration von Nachhaltigkeitsfragen in das strategische Management und in die Forschung und Entwicklung.

3.   Überwindung des Gegensatzdenkens zwischen Profit und Nachhaltigkeit bei den Führungskräften und EntscheiderInnen.

4.   Grundlegende Bereitschaft, das bestehende Geschäftsmodell zu hinterfragen und das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen.

 

Wie setzt man sich als Unternehmen klar vom „Greenwashing“ ab?

Indem man Nachhaltigkeit in alle Managementfunktionen und Unternehmensbereiche integriert. Unternehmen entwickeln eine integrierte, nachhaltige Unternehmensstrategie statt einer Add-on Nachhaltigkeitsstrategie.

 

Wie können soziale und ökologische Fragen Innovationstreiber für Unternehmen sein?

Indem neue Lösungen, Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden, die Antworten auf Fragen der nachhaltigen Entwicklung bieten. Indem die Märkte der Zukunft besetzt bzw. unternehmerisch mitaufgebaut werden. Es ist klar, dass wir spätestens 2050 in einer komplett anderen Welt leben werden. Es ist nun an der Zeit, die unternehmerischen Antworten dafür zu entwickeln.

 

Wie hat die Corona-Krise das Thema Nachhaltigkeit beeinflusst?

Die Corona Krise hat erstens gezeigt, dass Verzicht keine Lösung ist. Es geht vielmehr um eine grundlegende Transformation unserer Wirtschaft.

Zweitens hat sich die Dringlichkeit und das Tempo beschleunigt. Die Probleme in den Systemen, internationale Lieferketten, Produktionsbedingungen in der Lebensmittelwirtschaft, Herausforderungen im Bereich Gesundheit aber auch Bildung, etc. wurden offensichtlich. Darauf aufbauend können nun unternehmerische Lösungen dafür entwickelt werden. Drittens zeigen Studien, dass Pandemien auf fehlende Nachhaltigkeit zurückgeführt werden können. Damit ist Nachhaltigkeit wichtig, um zukünftige Pandemien zu verhindern bzw. Ihnen besser begegnen zu können. Nachhaltigkeit ist nun ganz oben auf der Agenda angekommen, die Frage des Warum ist geklärt, es geht nun um das Wie!

 

Was sind die wichtigsten Qualifikationen, die ein nachhaltiger Manager heute braucht?

Die Bereitschaft, neu zu denken, Bestehendes zu hinterfragen und seine Überzeugungen unternehmerisch umzusetzen.

 

Was sagen Sie Unternehmen, die Angst haben vor großen Umstrukturierungen durch eine nachhaltigere Firmenausrichtung?

Es gibt keine Alternative - nichts zu tun ist weitaus gefährlicher und führt mit Sicherheit in den Ruin. Zudem sind die unternehmerischen Chancen so groß, dass eine nachhaltige Firmenausrichtung das Unternehmen zukunftsfit macht, Arbeitsplätze schafft und den risikoadjustierten Gewinn deutlich erhöht. Warum also warten und so das Negative zulassen? Nachhaltigkeit ist keine Schreckensvision für Unternehmen mehr, ganz im Gegenteil. Es ist eine Jahrhundert-Chance!

 

Wie sind die Zukunftschancen / Berufsaussichten für die Studierenden?

Unternehmen brauchen EntscheiderInnen und Young Leaders, die anders denken. Vom alten Denken haben sie bereits genug. Sie brauchen die Köpfe, die dabei helfen, das Neue zu denken und die Zukunft positiv zu verändern.

 

Was hat der Kapitalmarkt damit zu tun?

Investoren haben längst erkannt, dass die risikoadjustierte Rendite von nachhaltigen Unternehmen höher ist als bei anderen. Leider gibt es derzeit noch zu wenige Investitionsmöglichkeiten in nachhaltige Unternehmen. Die Investoren fordern daher nachhaltige Unternehmensstrategien und Geschäftsmodelle ein. Dieser Druck verändert derzeit auch das Denken in den Vorständen und Aufsichtsräten. Nachhaltigkeit wird zum neuen Management-Paradigma. Da spielen die Investoren eine wichtige und positive Rolle!

 

Wo steht die Deutsche Wirtschaft bezüglich des nachhaltigen Managements im weltweiten Vergleich?

Als Erfinder der Sozialen Marktwirtschaft haben wir hier einen Vorteil und Nachteil zu gleich. Zum einen sind wir gewohnt, soziale und wirtschaftliche Fragen integriert zu denken. Jedoch geht es jetzt um mehr - es geht darum, auch die ökologische Perspektive stärker als bisher zu integrieren. Es ist nicht der Staat, der die gesellschaftlichen Herausforderungen alleine lösen kann, sondern es ist die Wirtschaft, die mit neuen Geschäftsmodellen und Unternehmen die Märkte der Zukunft besetzen wird/muss. Somit braucht es eine ökosoziale Marktwirtschaft 2.0, welche unternehmerische Freiheit mit gesellschaftlicher Verantwortung konstruktiv verbindet und somit Deutschland erneut zu einem Vorreiter eines neuen Management-Denkens macht.

 

Wie dann umgehen mit dem Druck nach immer mehr Profit / Erfolg?

Nachhaltigkeit bedeutet nicht weniger, sondern mehr Profit / Erfolg. Somit nimmt nachhaltiges Management Druck von den Führungskräften, indem es klare Orientierung für die Weiterentwicklung der eigenen Geschäftsmodelle und Unternehmensstrategien gibt. Nachhaltigkeit ist der Polarstern, der die Richtung vorgibt, in der in Zukunft überhaupt noch Gewinne erzielt werden können.

 

Man hat das Gefühl, es wird in vielen Bereichen immer noch abgewartet und die Dringlichkeit verharmlost. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ein fehlendes Verständnis dafür, dass Nachhaltigkeit keinen Gegensatz zum Unternehmertum darstellt. Ganz im Gegenteil: Nachhaltigkeit ist Treiber für Innovation und unternehmerischen Erfolg. Ist das mal verstanden, dann sind auch die Blockaden zu handeln weg, und es kann progressiv an einer Zukunft gearbeitet werden, welche unternehmerischen Erfolg und nachhaltige Entwicklung konstruktiv miteinander verbindet.

 

Wie kann man sicherstellen, dass nachhaltige Unternehmensführung wirklich etwas verändert?

Die Veränderung beginnt in der Geschäftsführung und beim Vorstand. Es geht nicht mehr darum, Nice-to-have Aktivitäten und Add-on Strategien zu entwickeln. Nachhaltigkeit gehört, ähnlich wie die Digitalisierung, in den Kern der strategischen Überlegungen. Nur eine vollintegrierte Perspektive stellt sicher, dass man tatsächlich das Unternehmen progressiv weiterentwickelt und sich nicht in nichtigen Themenfeldern verzettelt.

 

Woran erkennt man wirklich nachhaltige Unternehmen?

Am ökonomischen Erfolg. Als Ergebnis nachhaltigen Wirtschaftens steht immer auch der ökonomische Erfolg - verbunden mit dem positiven Impact für die Stakeholder. Nachhaltige Unternehmen folgen einem klar definierten Purpose und übersetzen diesen in zukunftsfähige Geschäftsmodelle.